Warum haben Sie Angst vor dem Leistungsschutzrecht – und der Nennung Ihres Namens, Herr Anonymus?
Von Redaktion • 16.02.11 • Thema: Gesetze & Urteile, News, Online, UrheberrechtViele freie Internetpublizisten treibt derzeit die Angst vor der Einführung eines Leistungsschutzrechts um. Gefüttert wird die Angst durch drastische Aussagen von einigen Kritikern aus dem Umfeld von Internetfirmen, von denen sich viele inzwischen auch in einer eigenen Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) zusammengeschlossen haben.
DJV und dju in ver.di verhandeln derzeit mit den Verlegern und der Politik über die Ausgestaltung eines solchen Rechts. DJV-Justiziar Benno H. Pöppelmann erläutert diese Strategie auch in einem ausführlichen Interview zum Thema: “Warum lehnt der DJV ein Leistungsschutzrecht nicht mit Bausch und Bogen ab?”
Wir fragten den Betreiber einen größeren Internet-Newsletters, worüber er sich angesichts der laufenden Diskussionen inzwischen Sorgen macht. Besorgniserregend: Der Interviewpartner wollte anonym bleiben.
freienblog: Warum so anonym?
Anonymus: Ich möchte mit meinem Dienst erst gar nicht in das Visier von denjenigen geraten, die vielleicht später Abgaben erheben, und nach diesem Interview bei mir vielleicht zuerst.
freienblog: Sie betreiben einen Newsletter, der täglich an rund 20.000 Abonnenten herausgeht? Kostenlos? Finanziert durch Werbung?
Anonymus: Richtig, unser Newsletter wird durch Werbung finanziert. Diese Art von Finanzierung ist ausgesprochen mühsam, denn jede einzelne Werbung muss akquiriert werden und die Unternehmen sparen immer mehr an Werbemaßnahmen, von denen sie ausgehen, dass sie deren Erfolge nicht genau messen können. Daher sind die Einnahmen auch schwankend und schwer planbar.
freienblog: Welche Inhalte bieten Sie an und wie kommen Sie daran?
Anonymus: Wir greifen Meldungen aus einem speziellen Dienstleistungsbereich auf. Einmal täglich durchsuchen wir automatisch rund 50 Online-Medien und suchen die Artikel heraus, die mit dem Thema zu tun haben. Anschließend wählen unsere Redakteure die interessantesten Artikel aus, die wir einmal täglich gebündelt an unsere Leser versenden.
freienblog: Wie viele Personen werden direkt durch den Newsletter finanziert im Sinne von Einkommen?
Anonymus: Neben den im Unternehmen fest angestellten Personen beschäftigen wir auch einige freie Mitarbeiter auf Teilzeitbasis. Anhand der Einnahmen sind umgerechnet rund vier vollbeschäftigte Personen vom Newsletter abhängig.
freienblog: Sie führen in Ihrem Newsletter auch Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge auf, wenn diese online erschienen sind, in welchem Umfang? (Also prozentual und in der letztendlichen konkreten durchschnittlichen Zahl)
Anonymus: Dieses lässt sich nur schwer feststellen, da wir nicht abgleichen, welche Artikel gleichzeitig im Print erschienen sind. Ich vermute, der überwiegende Teil der von uns durchsuchten Medien stellt die Artikel ausschließlich online ein. Wir berücksichtigen in der Mehrzahl spezialisierte Publikationen, die ausschließlich online arbeiten.
freienblog: Würde Ihr Newsletter noch ohne Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge funktionieren?
Anonymus: Sicherlich, da der Schwerpunkt der Quellen Online-Publikationen sind.
freienblog: Sie versenden die Beiträge nicht im Volltext, sondern nur den Artikelanfang, verwenden somit einen Teil des Original-Teasers. Der Leser klickt sich anschließend zur Seite durch, also zum Verlag. Also haben Sie bisher nicht an eine Lizenzierung durch Verlage gedacht. Könnten Sie sich eine Lizenzierung von Volltexten angesichts der PMG-Tarife leisten?
Anonymus: Wenn ich mir die PMG-Tarife anschaue, müssten wir unser Geschäftsmodell einstellen. Bei der täglich von uns verschickten hohen Anzahl von Newslettern würden die Abgaben um ein Mehrfaches höher als die von uns generierten Einnahmen sein.
freienblog: Wenn Sie Beiträge aus Online-(Zeitungen und Zeitschriften) auswerten für Ihren Newsletter, bauen Sie Ihr Geschäftsmodell ja auch auf dem geistigen Eigentum anderer auf (auch wenn es nur um die ersten Zeilen eines Beitrags geht). Wäre es nicht sogar richtig, dass diejenigen, die die Inhalte erarbeitet haben, alleine das Recht hätten, solche Newsletter überhaupt herauszugeben? Oder warum sehen Sie das anders?
Anonymus: Wer seine Artikel ins Internet stellt, möchte diese so breit wie möglich streuen. Mit unserem Dienst arbeiten wir daher aus meiner Sicht grundsätzlich im Sinne der Verlage.
Übrigens kann ich den derzeitigen Anspruch der Verlage nicht annähernd nachvollziehen. Ich meine, es handelt sich um eine Win-Win-Situation, denn die Verlage erhalten durch uns viele zusätzliche Nutzer. Da die Verlage ihre Webseiten ebenfalls durch Werbung finanzieren, haben sie durch uns einen hohen Nutzen. An dieser Stelle sei noch einmal betont, dass wir nicht die vollen Artikel bei uns publizieren, sondern nur einen kurzen Teaser anbieten. Anschließend gelangen die Nutzer durch einen Klick direkt auf die Seiten der Verlage. In der Spitze haben wir einzelnen Verlagen im Jahr 2010 bis zu 200.000 Seitenaufrufe beschert. Das sind schon richtige Nummern für die Unternehmen, insbesondere für die kleineren spezialisierten Verlage, mit denen sie bei ihren Werbepartnern punkten können.
freienblog: Wäre es nicht fair, wenn für die Nutzung des geistigen Eigentums der Verlage und der Journalisten nicht irgendein Obolus zu zahlen wäre?
Anonymus: Lassen Sie mich dazu zunächst meinen Eindruck aus unserer spezialisierten Branche darlegen. Verlage stehen teilweise erheblich unter Druck. Printmedien verzeichnen seit geraumer Zeit einen Rückgang der Leserzahlen, die Honorare für Journalisten wurden gekürzt. Oft zahlen Verlage nichts, wenn sie beispielsweise von Fachleuten aus der Branche Artikel erhalten. Profis werden gern mit ein paar Euro abgespeist. Viele Journalisten sind inzwischen entlassen worden, die Redaktionen schrumpfen. Zunehmend beklagen die Profis, dass vermehrt Halb-Profis oder Seiteneinsteiger schreiben, was aus deren Sicht die Qualität schmälert. Was haben die Journalisten davon, wenn wir unseren Dienst einstellen? Weniger Leser, weniger Werbeeinnahmen, noch mehr Druck auf die Honorare.
Durch uns erhalten hingegen die Verlage mehr Seitenbesucher und können somit die eigene Werbung auf ihren Webseiten besser vermarkten. Somit finanzieren wir indirekt die Journalisten. Sollten diese, wie aufgezeigt, nicht adäquat bezahlt werden, ist eigentlich nicht einzusehen, dass die Missstände durch uns aus der Welt geräumt werden, denn die Verlage profitieren auch durch uns als Multiplikator. Letztendlich wird der Artikel auf der Webseite des Verlags gelesen und nicht auf unserer Webseite. Dass auch wir daran verdienen, halte ich für völlig legitim. Eine meiner Lebensphilosophien lautet „Ein Geschäft ist, wenn beide etwas davon haben.“
freienblog: Hand aufs Herz: Ein Leistungsschutzrecht bringt ja nicht notwendig Horror-Tarife. Gebühren einer solchen Verwertungsgesellschaft bedürfen ja vermutlich einiger Gutachten, der Genehmigung durch die Aufsicht und/oder der Verhandlung mit Vertretern der Zahlungsverpflichteten. Irgendetwas werden Sie doch zahlen können?
Anonymus: Wenn ich mir die PMG-Tarife anschaue, wird mir Angst und Bange. Außerdem ist bei uns wirklich nicht viel Luft. Die bei uns gezahlten Gehälter und die Honorare liegen bei den Geschäftsführern und den Mitarbeitern knapp an der Schmerzgrenze. Daher ist unsere Kalkulation schon jetzt sehr eng.
freienblog: Sind denn unter Ihren Empfängern eigentlich auch Zeitungs- oder Zeitschriftenredaktionen?
Anonymus: Viele von uns berücksichtigte Redaktionen beziehen unseren Newsletter. Bevor wir die Online-Medien durchsuchen, informieren wir diese, daher ist den Journalisten im Regelfall bekannt, dass sie in unserer Auswahl sind. Beschwerden hatten wir bislang noch keine, im Gegenteil, mittlerweile kommen Verlage auf uns zu und bitten uns, auch sie zu berücksichtigen. Von vielen uns bekannten Journalisten werden wir immer wieder für unsere Arbeit gelobt.
freienblog: Verwenden diese Ihre Inhalte nicht auch für eigene Redaktionszwecke?
Anonymus: Ja, natürlich. Da wir täglich einen Überblick über die aktuellen Meldungen aus der Branche geben, werden sicherlich auch unsere Newsletter von den Redakteuren beachtet und, da bin ich mir sicher, verwertet.
freienblog: Müsste vor diesem Hintergrund (wenn das so ist) nicht eigentlich auch die Zeitung an SIE zahlen, weil sie IHR geistiges Eigentum nutzt?
Anonymus: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht und erwarte es eigentlich auch nicht. Andererseits, falls wir Abgaben zahlen müssen, wäre es natürlich eine logische Schlussfolgerung, wenn auch wir für unsere Arbeit entsprechend abgegolten werden, was dann allerdings zu einer typisch deutschen Erscheinung führt: wir schaufeln von der rechten Tasche in die linke.
freienblog: Würden Sie entsprechend für ein Leistungsschutzrecht der Internetunternehmen eintreten, das bei den Verlagen abkassiert?
Anonymus: Ich halte diese ganze Diskussion für unglücklich. Wie gesagt, aus meiner Sicht besteht hier ohnehin schon eine Win-Win-Situation.
freienblog: Bei welchem Betrag in Euro pro Monat läge Ihre Schmerzgrenze für eine Abgabe?
Anonymus: Die finanzielle Schmerzgrenze läge monatlich bei wenigen 100 EUR, mehr könnten wir uns nicht leisten. Vielleicht könnten die großen Dienstleister wie Google & Co. hier mehr Geld in die Kassen bringen, aber kleine Dienstleister, wie wir, die in der Mehrzahl sind, müssten bei höheren Beträgen ihren Betrieb einstellen oder Mitarbeiter entlassen. Daher stellt sich für mich die Frage, ob die Diskussion überhaupt aus wirtschaftlicher Sicht Sinn macht. Ich vermute, es geht den Verlagen um mehrere 1000 EUR pro Monat, die sie auch von den kleinen Diensten erhalten wollen, und bei solchen Beträgen sind wir und andere finanziell überfordert. Das Fatale ist, die Verlage würden nach der Einstellung der Pressedienste weniger Besucher auf ihre Webseiten bekommen und dadurch ihre Werbeeinnahmen messbar einbüßen. Unterm Strich wäre das ein Eigentor für die Verlage.
Lassen Sie mich noch die Frage stellen, warum denn alle großen Verlage ganz intensiv daran arbeiten, ihre Seiten für die Suchmaschinen zu optimieren? Es werden hohe Anstrengungen unternommen, damit Google & Co. die eigenen Seiten finden und somit die Leser zu ihnen führt. Mit der aktuellen Diskussion schießen die Verlage übereifrig und gedankenlos völlig über das Ziel hinaus und verwerfen im Übereifer mit dem Schlechten zugleich auch das Gute. Wie belegte schon ein gewisser Sebastian Frank unter Bezug auf Luther und Murner im Mittelalter: “Wenn man den rechten Brauch und Missbrauch miteinander aufhebt und ein Gespött daraus macht, das heißt Zaum und Sattel mit dem Pferd zum Schinder führen, das Kind mit dem Bade ausschütten”.
Das Interview mit Anonymus wurde für den freienblog von Michael Hirschler per E-Mail geführt.
Tipp: Lesen Sie auch das Interview “Warum lehnt der DJV ein Leistungsschutzrecht nicht in Bausch und Bogen ab, Herr Pöppelmann?”
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Hier stecken jede Menge Denkfehler in der Argumentation von “anonymus”.
1. Ich möchte als Urheber nicht, dass meine Inhalte irgendwie “breit gestreut” werden, sondern möchte einen Einfluss darauf haben, in welchem Kontext mein Werk erscheint.
2. Die Win-win Situation, die “anonymus” hier konstatiert, lässt vollkommen außer Acht, dass Aggregatoren welcher Art auch immer mit den Verlagen bei derselben werbenden Wirtschaft um die Werbeausgaben konkurrieren. Das Argument, irgendetwas brächte den Verlagen ja Traffic auf ihre Seiten und die müssten ja dafür dankbar sein, ist einfach lächerlich. Denn wenn die Verlage viele Besucher haben, können sie mehr Werbung verkaufen: An einen Kunden, der dafür leider nicht mehr so viel Geld übrig hat. Wie schön!
3. Es ist eine uralte Diskussion: Alles “frei” und damit letztlich durch Werbung finanziert oder ein ehrliches System, in dem der Nutzer zahlt, um sich wirklich unabhängige Journalisten zu halten. Letzteres ist zwar umständlicher zu gestalten, aber notwendig, um nicht in einer Gesellschaft zu landen, in der desinformierte Bürger alle paar Jahre bei Wahlen falsche Entscheidungen treffen.
Ohne Leistungsschutzrecht bleiben drei Arten Publizistik im Angebot:
a) Öffentlich-Rechtlich und damit abhängig von der amtierenden Politik (Die nächste Erhöhung des “Rundfunkbeitrages” soll ja die Landesparlamente passieren)
b) Den Interessen der Werbenden entsprechendes
c) “Werke” von Personen, die es sich leisten können, für “umsonst” zu produzieren und eben deshalb eine andere Sicht auch Themen haben.
Wirklich unabhängigen Journalismus gewährleistet nur der zahlende Leser. Und der möchte wissen, wem seine Zahlung zu Einnahmen verhilft.