Warum der Hinweis auf das Web 2.0 als Ausweg für junge Journalisten naiv ist
Von Redaktion • 19.07.11 • Thema: News, Tageszeitungen, Vergütungsregeln“Nicht nur der DJV fordert von den Zeitungsverlegern faire Tarifverträge und eine Perspektive für den journalistischen Nachwuchs, sondern auch 1.728 Kolleginnen und Kollegen, die eine Online-Petition an den BDZV unterschrieben haben”, so informiert der DJV in einem aktuellen Tarifinfo.
Er zitiert die Initiative junger Journalisten gegen Billiglöhne: „Wer möchte am Ende noch für Sie arbeiten, wenn Sie nun die Löhne nochmals drastisch kürzen?“ fragen die Initiatoren in der Petition die Verleger. Und weiter: „Wir haben studiert, kennen uns in Spezialgebieten in Politik, Wirtschaft oder Kultur aus, haben Auslandserfahrung, sprechen mehrere Sprachen. Wir können schreiben, Videos drehen, kennen uns mit den Techniken des Web 2.0 aus. Wir sollen in den Verlagen Wochenenddienste schieben, Abendtermine wahrnehmen, uns tief in gesellschaftliche Probleme einarbeiten und Überstunden machen, die wir natürlich niemals bezahlt bekommen. Und jetzt soll auch noch das Einstiegsgehalt für junge Journalisten um 30 Prozent gekürzt werden?“
Das DJV-Tarifinfo berichtet: “Einer der Initiatoren, der Bamberger Journalist Daniel Stahl, reiste eigens nach Berlin, um die Unterschriftenliste persönlich beim BDZV abzugeben. Verleger-Justitiar Burkhard Schaffeld nahm sie entgegen.” Schaffeld wird wie folgt zitiert: „Wir nehmen den journalistischen Nachwuchs und seine Wünsche und Forderungen sehr ernst.“ Das DJV-Tarifinfo resümiert: “Bleibt zu hoffen, dass die Verleger das am Verhandlungstisch auch endlich einsehen.”
Ganz anders als die Verleger es offiziell mitteilen oder der DJV hoffnungsvoll ausspricht, sieht es Michael Stepper, auf dessen Blogbeitrag “Junge Journalisten – Ein stummer Schrei nach Liebe” heute der Internetpublizist Thomas Knüwer aufmerksam machte.
Mit deutlichen Worten wie “In der Welt der Verleger existiert dieses Märchen vom Qualitätsjournalismus höchstens als Witz” und “Jammern über das Unausweichliche” rechnet Stepper mit den jungen Journalisten ab, die mit der Facebook-Aktion für ihr Anliegen – digital – kämpften und in kürzester Zeit fast 2.000 Unterschriften sammelten. Seine Meinung lautet, dass junge Journalisten “auch ohne Verleger” Journalismus betreiben könnten. Das Web 2.0 biete “alle nur erdenklichen Mittel und Wege”.
Kurz zusammengefasst, Philosophie “Macht´s Euch doch selbst”. Daran ist eigentlich wenig zu kritisieren. In der Tat fällt es heute schwer, einem jungen Hochschulabsolventen deutsche Tageszeitungen als Tätigkeitsfeld zu empfehlen, denn dort sieht es düster aus. Die schon heute nicht mehr wirklich attraktiven Gehälter (nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben im Netto recht übersichtlich) sollen weiter, mindestens um 30 Prozent gekürzt werden. Onlinejournalisten arbeiten dort schon heute oft in Tochterfirmen außertariflich. Und viele Redakteure erhalten gar keinen Arbeitsvertrag, sondern müssen als höchst scheinselbständige “Pauschalisten” für die Zeitung arbeiten. Übrigens nicht irgendwo in kleinen Zeitungsklitschen – auch eine so renommierte, mit investigativen Netzwerkreportern und Recherche-Festrednern versehene Tageszeitung wie die Süddeutsche Zeitung setzt massiv auf das Pauschalistentum (hallo, zuständiger Betriebsprüfdienst). Redakteursverträge werden dort gar nicht ausgegeben, auch wenn die Kollegen dort dann letztlich Vollzeit tätig sind. Damit sind dort die derzeit von Verlegern geforderten “minus 30 Prozent” der Redakteure schon längst praktizierte (geschätzte) “minus 60 Prozent” für die “Schein-Freien”. Zum Kreis outgesourcter Redakteure und Scheinselbständiger kommen dann noch Leiharbeiter bei diversen deutschen Zeitungen.
Deutsche Zeitungsverleger haben auch Vergütungsregeln mit Wirkung vom 1. Februar 2010 unterschrieben, in denen von höheren Honoraren und besseren Vertragsbedingungen und Beteiligungen samt Spesengeldern für Fahrtkosten etc. die Rede war. Doch diese wurden seitdem nur an ganz wenigen Zeitungen umgesetzt. Auch an der Zeitung des damaligen Verhandlungsführers, dem Bonner Generalanzeiger, wird einem Kreis von rund vierzig interessierten Freien die Anwendung der sieben Jahre verhandelten Honorare verweigert.
Für die Verlage, von denen viele immer noch ordentliche zweistellige Renditen schreiben, geht es bei ihrer Verweigerungs- und Absenkungsstrategie vor allem darum, die Gewinnzahlungen an den immer weiter wachsenden Kreis der Zeitungserben zu sichern. Die Mitarbeiter und die Zukunft des eigenen Mediums erscheinen als sekundär. Die Kuh muss gemolken werden, so die Philosophie, und bestehende Tarifverträge abgeschafft oder abgeschmolzen. Honorarerhöhungen für Freie passen nicht in dieses Konzept.
In der Tat muss man jedem interessierten jungen Journalisten angesichts solcher Strategien von einer Tätigkeit für deutsche Tageszeitungen abraten. Es gibt andere Medienbereiche und Wirtschaftssektoren, in denen junge Akademiker bessere Chancen haben.
Gleichwohl ist die Position von Michael Stepper immer noch ein gutes Stück naiv. Denn so sehr man Journalisten auch davon abrät, – am Ende suchen in unserer Gesellschaft auch Journalisten mit ringenden Händen nach Arbeitsmöglichkeiten. Die Arbeit liegt eben nicht auf der Straße. Auch im Web 2.0 und der Internetwirtschaft gibt es einen weiten Armutsgürtel aus “Web-2.0-/Social-Media-/Google+-” und sonstigen Beratern, die mit Startups von Wirtschaftsförderung zu Wirtschaftsförderung betteln gehen müssen und längst nicht immer einen Abnehmer bzw. “Inkubator” finden. Hartz IV ist auch in der Digitalwirtschaft ein Schambegriff, über den die feinen Leute der Medienrevolution nicht zu sprechen wagen (könnte sich ja auch besonders schnell herumtwittern lassen). Wie die DJV-Umfrage von 2008 zeigte, verdienen auch Online-Journalisten unterdurchschnittlich, wenn auch mehr als freie Zeitungsjournalisten.
Immer noch bilden die Tageszeitungsjournalisten die größte Gruppe unter den Journalisten, auch unter den Freien. Daher wird es auf längere Zeit noch so sein, dass die Tageszeitungen weiter Journalisten in Anstellung und freier Mitarbeit an sich binden werden, eben weil sie ein Einkommen bzw. Umsatz bieten. So dunkel die generelle Perspektive auf längere Sicht sein mag, so wenig sinnvoll erscheint es, dem berechtigten Anliegen der jungen Journalisten eine pauschale Abfuhr erteilen zu wollen.
Wenn Feste und Freie in massiver Zahl weiter an Zeitungen arbeiten werden, ist es allerdings auch notwendig, sich für angemessene Löhne und Honorare einzusetzen. Es ist naiv zu glauben, eine ganze Branche könnte mal eben ins Web 2.0 (oder 3.0) abwandern und es sich allesamt “selbst machen”. Die Aktion der “Jungen” erscheint daher als vorbildlich.
Der DJV appelliert übrigens mit seiner Aktion “Faire Zeitungshonorare” auch an die Freien selbst, sich an den Zeitungen für die Umsetzung der Vergütungsregeln einzusetzen. Durch Gruppenbildung, Freienräte wie an der Badischen Zeitung, an der schon seit zehn Jahren freie Journalisten für ihre Honorar- und Vertragssituation streiten und einiges Bemerkenswertes erreicht haben. Wie die “Vergütungsregeln” im Detail aussehen, darüber informiert der DJV auch wieder am 21. Juli in einem per Internet (apropos Web 2.0) durchgeführten Seminar (Webinar), und wie es sich vielleicht besser verhandeln lässt, in einem weiteren Verhandlungswebinar (erneut per Netz) am 29. Juli (Anmeldung unter www.journalistenwebinar.de – wir freuen uns über Ihre Anmeldung!).
Aktionen wie diese müssen gleichwohl nicht erneut von umgekehrter Naivität geprägt sein. Wer zu besseren Branchen gehen kann, sollte in der Tat gehen, und zwar jetzt. Doch für eine Vielzahl von Kollegen ist das keine lebenspraktische Alternative, Jobchancen und Mobilität stehen längst nicht jedem offen. Hier gehört der Streit (und Streik) vor Ort weiterhin zu den notwendigen Waffen.
Michael Hirschler
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