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Neuer Marktplatz für Beiträge und Aufträge – diesmal von der Post

Von Redaktion • 03.03.11 • Thema: Markt/Vermarktung, Online, Steuern

Die Deutsche Post startete am 3. März 2011 unter der Adresse DieRedaktion.de einen digitalen Marktplatz für Aufträge und Beiträge von Journalisten. Angesprochen sind sowohl Verlage als auch einzelne Journalisten.

Möglichkeiten für Freie?

Für freie Journalisten bietet sich die Möglichkeit, ihre Beiträge über den Webbrowser in den Marktplatz hochzuladen. Das Redaktionssystem generiert automatisch Schlagwörter aus dem eingereichten Beitrag, die einzeln abgewählt oder ergänzt werden können. Der Beitrag kann anschließend einem Themengebiet zugeordnet werden.

Die Anbieter können den Preis für ihre Beiträge selbst festlegen. Auch die Geschäftsbedingungen können individuell eingefügt werden – beispielsweise die DJV-Musterbedingungen. Wer das nicht möchte, kann dann immer noch mit den Bedingungen arbeiten, die das System der Post zur Verfügung stellt.

Post übernimmt Ausfallrisiko

Wenn ein Verlag oder sonstiger registrierter Nutzer die Rechte am Beitrag erwirbt, leistet die Post durch Forderungskauf an den Autoren vor (so genanntes Factoring), will heißen: Das Geld kommt von der Post. Das Risiko des Zahlungsausfalls oder der verspäteten Zahlung liegt allein bei der Post.

Anteil für die Post zwischen 15 bis 30 Prozent

Die Post berechnet den Anbietern für ihre Vermittlung eine Provision zwischen 15 bis 30 Prozent, die von der Auszahlungssumme abgezogen wird. Bei DJV-Mitgliedern soll die Provision nach letzten Informationen bei 15 Prozent liegen. Weitere Kosten sollen nicht fällig werden – eine Grundgebühr ist nicht geplant. Update 4. März: Im Jahr 2011 soll die Teilnahme kostenlos sein, ab 2012 soll es dann 72 Euro im Jahr Grundgebühr kosten.

Technische Goodies

Das System bietet technisch versierteren Kollegen auch die Möglichkeit, für ihre Beiträge auf DieRedaktion.de zu werben. Dazu kann die Möglichkeit genutzt werden, ein „Widget“ einzurichten, das dann auf der eigenen (oder einer befreundeten) Internetseite eingebunden wird.

Hintergrund: Was hat die Post vor?

„Die Post selbst will kein Verlag werden, sondern als innovativer Dienstleister für die Presse wirken“, betonte Post-Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes auf einer Pressekonferenz während der CEBIT in Hannover. Er betonte, das Angebot diene der Wahrung des Qualitätsjournalismus, da es Verlagen und freien Journalisten zusätzliche Einnahmequellen durch Mehrfachverwertung ermögliche.

Dr. Andreas Wiele vom Axel Springer Verlag betonte als Vertreter eines der derzeit bereits beteiligten Verlage, ursprünglich sei Axel Springer über das Postprojekt verärgert gewesen. Nachdem sich erwiesen habe, dass die Post nicht in das Verlagsgeschäft einsteigen wolle, sondern neutraler Mittler sein wolle, sehe der Verlag das Angebot mittlerweile positiv und beteilige sich mit Beiträgen aus eigenen Zeitungen und Zeitschriften.

York von Heimburg, Vorstandsmitglied der Computerzeitschriftengruppe IDG, hob hervor, dass sich das Projekt auch zur Gewinnung neuer freier Mitarbeiter einsetzen lasse. IDG beschäftige heute rund 200 freie Mitarbeiter, in Zukunft rechne er mit 200 weiteren freien Mitarbeitern, die er gerade über das neue Angebot der Post gewinnen wolle.

DJV: Testphase begleiten

Für den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) äußerte sich Michael Konken, DJV-Bundesvorsitzender. Gerade die freien Journalisten seien auf zusätzliche Erwerbsquellen angewiesen. Der DJV sehe das Vorhaben gleichwohl noch als Test an. Eine endgültige Entscheidung über die Begleitung des Projekts sei noch nicht getroffen. Wichtig sei, dass die Qualität der angebotenen Beiträge gewährleistet sei. Das sei einerseits durch die Verpflichtung der Anbieter auf den Pressekodex möglich, andererseits durch die Begrenzung auf Journalisten, die den von DJV, dju in ver.di, den Verlegerverbänden BDZV und VDZ sowie Freelens und dem Sportjournalistenverband herausgegebenen Presseausweis vorweisen können.

Kritische Nachfragen zu Nutzungsrechten

Die Nachfragen der Pressevertreter konzentrierten sich auf urheberrechtliche Fragen, insbesondere darauf, inwieweit die Verlage Beiträge von Journalisten überhaupt der Mehrfachverwertung zuführen könnten. Seitens der Verlagsvertreter wurde betont, diese Fragen seien vertraglich geklärt. Bei diesem letzteren Punkt wird es allerdings unter Umständen noch zu Klärungen zwischen den Journalistengewerkschaften und den Verlagen kommen müssen, da nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs bei weiteren Verwertungen von Beiträgen im Regelfall eine angemessene Vergütung erfolgen muss.

Rechtsprechung: Anbieter von Marktplätzen haften in der Regel nicht

Gleichfalls ist klar, dass die Post von solchen Auseinandersetzungen im Regelfall verschont bleiben wird. Denn nach der Rechtsprechung im Fall „Genios“ ist eine Haftung des Anbieters von Beitragsmarktplätzen weitgehend eingeschränkt. Der Anbieter könne die Lizenzierung von Beiträgen nicht in jedem Einzelfall klären, daher müssten sich Journalisten an die Verlage selbst halten, hatte der Bundesgerichtshof seinerzeit geurteilt. Damit wird die Frage, ob und wie das Verlagsangebot zu zusätzlichen Auszahlungen an Journalisten führen muss, in Zukunft noch zwischen Gewerkschaften und Verlagen zu klären sein.

Angebot nicht wirklich neu, aber dafür mit großer Kraft

Beobachter aus der Branche wissen, dass das Vorhaben nicht wirklich neu ist. In einer Zeit vor unserer Zeit, als (beispielsweise) während der Zugfahrt noch Bücher und Zeitschriften gelesen oder gar Gespräche mit unbekannten Zugreisenden geführt wurden, – schon zu jener Zeit gab es Versuche, Beiträge von freien Journalisten zentral zu vermarkten. Redaktionen erhielten Vorschlagslisten mit Themen per Briefpost, liebevoll mit Matrize vervielfältigt oder hektographiert (mit ph!) bzw. fotokopiert.

Vom Bildschirmtext und Mailboxen

Mit dem technischen Fortschritt kamen der Bildschirmtext und anschließend die Zeit der Mailboxen. Damals begann der Vertrieb von Beiträgen über die com.box, die von Korrespondenten aus nah und fern Beiträge für Redaktionen einsammelte und nach datenverarbeitungstechnischer und formatierungsmäßiger Anpassung an hauseigene Redaktions- und Datensysteme verteilte.

Internet macht Börsen

Kaum war das Internet in Ausbreitung, begann auch der Vertrieb von Beiträgen auch über Textbörsen. Die Zahl der Versuche und Startups ist bislang von keinem Historiker ermittelt worden, es waren aber mehrere Dutzend. Gleich ob textbroker, dopra, mediaquell – viele Versuche versandeten am mangelnden Umsatz und fehlendem Interesse von denen, die als Beitragslieferanten eingeplant waren.

Umschaltung auf Internetbörsen

Relativ spät startete die Newsbörse (newsboerse.de), eine Internetvariante der Macher von com.box, die zwischenzeitlich auch als Mediennetz konzipiert wurde, in dem sich Freie und Redaktionen treffen konnte. Zuletzt startete Spredder.de, ein Dienst, der mit 2 Cent pro Zeichen als Lizenzpreis operierte. Von einer wirklichen Killer-Applikation bei diesen Versuchen hat allerdings nie jemand gesprochen.

Verlagsprojekte

Die Verlage vermarkteten Inhalte in erster Linie über Genios, dann bauten sie die Presse Monitor GmbH für die Lizenzierung bestimmter Nutzungsformen aus.

Andere Projekte wie die Textbörse content.de laufen noch, wie auch Selbstveröffentlichungdienste wie lulu.com oder bod.de in der weiteren Expansion zu sein scheinen.

Deutsche Post: Vorteile durch logistische (Groß-)Macht?

Was neu am Projekt der Post ist, ist einerseits der Ausführende, andererseits die Konsequenz, mit der das Projekt angegangen wird. Für die Deutsche Post als Teil eines der größten weltweiten Logistikdienstleister, DHL, ist das Vorhaben ein wichtiger Schritt in das digitale Geschäft, das man sichtlich nicht Garagenbastlern aus Seattle und San Francisco überlassen möchte. Zu groß ist das Risiko, dass die Digitalisierung der Gesellschaft das Denken in Paketen und Papierbriefen gnadenlos abschafft – und kein wesentlicher Geschäftsbetrieb bleibt. Die Konsequenz: Das Angebot denkt sich in vielen Teilen in das Interesse des einzelnen Anbieters hinein, der im Zeitalter der Selbstveröffentlichung direkt auf dem Marktplatz auftreten will, seine Bezahlung sofort einfordert und – gleichwohl einen starken Partner braucht.

Die Partie ist offen

Niemand kann heute einschätzen, ob das Projekt am besonders schwierigen Markt der Publizistik gelingen kann. Werden ausreichend Abnehmer einsteigen, bieten freie Journalisten tatsächlich eigene Beiträge zur Zweitverwertung an? Wird es zum Duell konkurrierender Rechte kommen, gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Autoren und Verlagen, die beide die gleichen Beiträge anbieten, jeder mit dem Glauben, er sei der berechtigte Rechte-Inhaber?

Es bleibt spannend. Und niemand kann ausschließen, dass bereits morgen der nächste auf den Markt tritt, mit dem „Fotolia“ – für Texte.

Michael Hirschler

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5 Kommentare »

  1. Hallo,

    warum bietet eigentlich der DJV nicht so ein Portal an?

    Für die Fotojournlisten gibt es ja schon so etwas mit dem DJV Bildportal. Warum nicht das gleiche auf für Text-, Radio- und Fernsehbeiträge? Und das zu den gleichen Bedingungen wie das Bildportal? Vielleicht sogar alles in einem Portal…

    Das hätte den Vorteil: der DJV kann die Bedingungen kontrollieren und für die Redaktionen wäre es ein kompetenter Partner.

  2. Programmierung, technische Organisation plus Management eines solchen Portals gehen nicht im Selbstlauf, sondern dafür müsste Personal eingesetzt werden in erheblichem Umfang. Features wie Forderungskauf könnte der DJV oder dessen Tochterfirma V&S ohnehin nicht bieten. Die Sicherung des Zahlungsverkehrs ist bei einem solchen Portal ohnehin das A&O. Auch das DJV-Bildportal wird nicht vom DJV betrieben. Dessen Tochterfirma setzt auf eine Kooperation mit einer weiteren Firma. Diese berechnet als Umsatzprovision 12 Prozent, hinzu kommt die Monatsgebühr von 30 Euro für das Marketing der Bilder. Dieser Betrag ist schon sehr günstig kalkuliert, wenn man den Aufwand des Partners bedenkt, der eigentlich erheblich mehr als Provision nehmen müsste, wenn er allein von den Kosten für den Bereitstellungsaufwand denken würde. Insofern: Die kostenlose Plug- und Play-Software oder -Onlinelösung gibt es gerade auch im Beitragsvertrieb nicht. Irgendeiner muss immer mit verdienen, sonst refinanziert es sich nicht.

  3. Ergänzend zu dem Kommentar von Michael Hirschler “Irgendeiner muss immer mit verdienen, sonst refinanziert es sich nicht.” noch der Hinweis, dass auch irgendeiner immer bezahlen muss. Denn TANSTAAFL – „there ain’t no such thing as a free lunch“. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/TANSTAAFL

  4. Gegen die Grundgebühr an sich ist nichts zu sagen. Ich empfinde es aber als reichlich dreist, den einzigen Hinweis auf diese Grundgebühr ganz tief in den AGBs zu versenken, die vermutlich 99% der Leute ohnehin immer mit einem Häkchen versehen ohne sie gelesen zu haben.

  5. Stimmt. Die Preisgestaltung für anbietende Journalisten sollte deutlicher gezeigt werden.