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Mit 140 Zeichen ins berufliche Aus – Twitter als Gefahr?

Von Redaktion • 21.02.11 • Thema: News, Online

Twitter ist für viele Publizisten wie eine geladene Pistole – ein ständiges Risiko, wenn nicht für Leib und Leben, so für die professionelle Karriere. Das musste der US-amerikanische Publizist Nir Rosen erfahren, nachdem er per Twitter die US-Reporterin Lara Logan angriff. Nir Rosen ist freier Journalist, Fotograf, Filmemacher und war – bis zu seiner Twitterattacke – Fellow an der New York University. Seit langer Zeit hatte der linksliberale Publizist Lara Logan, eine rechtskonservative Fernsehjournalistin, im Visier, weil sie seiner Meinung nach die US-Invasion im Irak und die Intervention in Afghanistan schöngefärbt hatte.

Lara Logan war Opfer sexueller Attacken während ihrer Berichterstattung in Ägypten geworden. Die US-Medien machten aus dem Fall ein großes Thema. Nir Rosen warf in seinen Tweets den Medien vor, Logan aus politischen Gründen als Opfer hochzuspielen, dabei habe es sich doch um einen ganz normalen Fall gehandelt:


“Jesus Christ, at a moment when she is going to become a martyr and glorified we should at least remember her role as a major war monger”
(Jesus Christuns, in einem Augenblick, in dem sie ein Märtyrer und glorifiziert wird, sollten wir zumindest an ihre Rolle als Kriegstreiberin erinnern”.

“Look, she was probably groped like thousands of other women.” (“Naja, sie wurde vermutlich befummelt wie Tausende anderer Frauen”)

Die US-Medien thematisierten postwendend die Kritik von Rosen. Der Mediensturm zerstörte innerhalb weniger Tage Rosens beruflichen Kontakte und reichte bis ins Privatleben hinein. In einer langen Abbitte in seinem Blog bezeichnet er die Tweets mittlerweile als schwere professionelle Verfehlung und bittet Lara Logan und die Öffentlichkeit geradezu flehentlich, ihm diese Tweets zu vergeben. Eine Diskussion, ob die Empörung der US-Medien selbst wieder gerade auch politisch motiviert war, kann natürlich nicht mehr geführt werden. Für praktisch jeden, der diese These aufstellt, würde das vermutlich den medialen Tod bedeuten. Ganz im Gegenteil gibt es jetzt eine generelle Debatte über die sexuelle Belästigung von Korrespondentinnen, die jetzt auch vom renommierten Committee to Protect Journalists (CPJ) geführt wird. Das Thema war in der Vergangenheit offensichtlich nie ausführlich thematisiert worden. Jetzt, wo sich mehr Opfer dazu zu äußern wagen, wird die Kritik von Rosen erst recht unerträglich.

Hier auch ein Link zu einem Fernsehinterview mit Rosen zum Thema.

Bitte keine Twitter-Scherze über Ägypten

Der US-Designer Kenneth Cole (@KennethCole) wollte einen Scherz machen und die Werbung für seine Modekollektion (“Sixt”-mäßig) mit den Protesten in Ägypten verbinden. Daher schrieb er den Tweet:

“Millions are in uproar in #Cairo. Rumor is they heard our new spring collection is now available online at http://bit.ly/KCairo -KC.” (Millionen sind in Kairo in Aufruhr. Es gibt ein Gerücht, dass unsere neue Frühjahrskollektion erhältlich ist … [die Adresse führte zur Online-Seite seiner Firma und hatte nichts mit der Endung Cairo zu tun]).

Es folgten Proteste, unter anderem klebten Aktivisten einen riesigen Aufkleber mit seinem Tweet an das Schaufenster seines Modegeschäfts in San Franscisco, wie die Los Angeles Times berichtete. Der Imageschaden für ihn und seine Firma ist erheblich.

Gerüchte aus Versehen weiter gestreut

Eine Falschmeldung aus Twitter weitergeleitet – diesen Fehler räumte der französische Journalist Cyrille Frank (@cyceron) an diesem Wochenende ein (hierzu auch unser ausführlicher Beitrag zum Thema: Wie persönlich darf ein Tweet sein?). Er hat hierauf die Forderung nach einer neuen beruflichen Umgehensweise von Journalisten mit Tweets gefordert.

Den “Generalzusammenhang” stets im Blick?

Die Frage bleibt, wie Berufstätige, Journalisten wie auch andere Berufsgruppen, mit der “lockeren Kanone” in ihrem Computer oder Smartphone umgehen sollen. Wie die Beispiele von Rosen und Cole zeigen, ist in jedem Fall ein schneller, bissiger Kommentar oder auch Scherz mit Risiken behaftet. Twitter hat ein system-immanentes Risiko: Statt einem schönen Aphorismus, einer klaren Bemerkung oder einem guten bösen Scherz kann es zu einer “Fehlschaltung im Gedankenblitz” kommen, wie es Ludwig Stiegler von der SPD einstmals für sich in Anspruch nahm – zur Entschuldigung einer danebenliegenden Bemerkung.

Eines der Hauptprobleme bei Twitter ist die Gleichzeitigkeit aller Meldungen und Wirklichkeiten in einem Empfängerkreis, der sich in extrem unterschiedlichen Situationen und Wahrnehmungen befindet. Während Scherze und bissige Kommentare normalerweise in bestimmten Zirkeln erfolgen, deren Zusammenhang und Empfängerkreis klar ist, können sie über Twitter-Weiterleitungen grundsätzlich jeden Twitter-Abonnenten erreichen, also auch gerade die unmittelbar Betroffenen oder eben Engagierte mit besonderen Zielen. Das “Blocken” von Followern ist ohnehin nur eine relative Methode, solange es auch einen RSS-Feed gibt, der die Twitternachrichten auch an nicht sichtbare Abonnenten herausgibt.

Muss aber der Umstand, dass alles jederzeit weitergeleitet werden kann und darf, dazu führen, nunmehr nur noch im totalen, weltweiten Konsens zu schreiben? Das erinnert an die Situation in afghanischen Flüchtlingslagern während des Bürgerkriegs mit dem jeweiligen Kabuler Regime. Wenn ein Angehöriger starb, trauerten die Angehörigen 40 Tage lang. Da allerdings dauernd Kämpfer im Krieg fielen, sollen die Lager in eine permanente Trauerkultur verfallen sein, so heißt es jedenfalls*.

Dürfen vor dem Hintergrund wirklicher Betroffenheit irgendwo auf dem großen Planeten überhaupt noch Tweets, die nicht zum Zusammenhang passen, verschickt werden? Dürfen Journalisten im kommenden rheinischen Karneval (der im Irak-Krieg 1991 abgesagt wurde und dessen spätere Absage erneut gefordert wurde) noch lustig tweeten, wenn bei den meisten Abonnenten in der Twitter-Timeline vielleicht weiterhin Meldungen über Verhaftete oder Tote auflaufen? Karnevalistisches Tweetverbot für Journalisten?** Oder ein aktuelles Beispiel, während in Ägypten gerade der Präsident eine historisch (unpassende) Rede hält, Powerpoints zu einem eher belanglosen Thema per Twitter bewerben, die gerade online gestellt wurden?

In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu beobachten, wie gerade auf Twitter bei aktuellen Anlässen darüber geschimpft wird, dass das offizielle Fernsehprogramm ungerührt mit Unterhaltungssendungen weiterläuft, so wie größtenteils während der ersten Auseinandersetzungen in Tunesien und Ägypten, aber auch bei politischen Zusammenstößen mitten in Deutschland, in Dresden.

Wenn die Welt auf Gleichzeitigkeit zusammenschrumpft, besteht die Gefahr, dass Kritik kaum noch möglich ist, dass Anstand und Trauer die Kommunikation beherrschen. Nicht Twitter ist eine Gefahr für die berufliche Zukunft, sondern die Gefahr für die Zukunft besteht darin, dass nicht begriffen wird, dass mit Twitter und Social Media ein neuer Kommunikationsraum geschaffen worden ist, in dem neue Regeln gelten. Wer mit Twitter arbeitet, sollte sich daher einerseits schon sehr bewusst verhalten. Auch einmal eben sich einen Tweet verkneifen. Andererseits sollte, wer beruflichen Gegenwind wegen Twitter- und anderer Social-Media-Äußerungen erhält, standhalten. Kündigungen des Arbeitsvertrags bzw. des Vertrags als freier Mitarbeiter sollten nicht akzeptiert werden. Kritik an Tweets ist in Ordnung, Entschuldigungen denkbar. Abbitten oder gar Berufsaufgabe – nein, danke. “Fehlschaltungen im Gedankenblitz” – wir werden noch genug davon erleben.

Michael Hirschler

Hinweis: Die Idee zu dem Beitrag entstand durch einen Retweet von @doktordab: Wie Journalist Nir Rosen in 480 Zeichen seine langjährige Karriere ruinierte: http://t.co/O3XGb8G

*Den Beleg für diese Aussage kann der Autor derzeit nicht nachweisen. Er stammt mutmaßlich aus einem F.A.Z.-Bericht innerhalb der letzten 15 Jahre.

**Undenkbar.

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2 Kommentare »

  1. Sicher – man muss nicht allwissend und ganzheitlich schreiben, wenn man Twitter nutzt. Denn in der Regel ist es ja tatsächlich ein Freundes- oder Interessentenkreis, der das liest. Alle anderen kennen den Zusammenhang zwar nicht, aber wie oft werden “Normalos” denn wirklich von anderen gelesen?

    Das Beispiel Rosen zeigt wie auch Kenneth Cole, dass man vor dem Twittern aber generell doch denken sollte. Wie beim Bloggen, Aufsagen im Radio oder TV, Schreiben eines Artikels oder sonst auch. Denn die Kritik hat sich ja auch an dem WAS entzündet. Und mal ehrlich – die Nummern waren daneben. Das hat nichts mit Ethik oder Aufpassen ob der Karriere zu tun. Sondern auch etwas mit Respekt einer anderen Person gegenüber. Das ist freilich in den USA eher nicht ausgeprägt, sobald Politik ins Spiel kommt.

    Aber einfaches Nachdenken hilft ganz klar auch dort.

  2. Ich sag mal in Anlehnung an Rosa von Praunheim. Nicht der Twitterer ist pervers, sondern die Gesellschaft in der er lebt. Ander gesagt: Freie und eben auch zugespitzte Meinungsäußerung, ob nun bei Twitter oder anderswo, ist eben nichts für eine mimosige Gesellschaft politischer Korrektheit. Wenn sich die Toleranzgrenzen hinsichtlich dessen, was man öffentlich an Meinung auszuhalten bereit ist, nicht großzügig verschieben, ist es um die Meinungsfreiheit bald ingesamt geschehen.

    Ausführlich von mir hier argumentiert: http://www.geografitti.de/2010/12/08/die-neujustierung-der-meinungsfreiheit/

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