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Michael Seemann (@mspro) bringt es gut auf den Punkt: Ihr habt keinen Anspruch auf ein funktionierendes Geschäftsmodell, Urheber!

Von Redaktion • 23.03.12 • Thema: Markt/Vermarktung, News, Urheberrecht

Die Einstellung der netzpolitischen Szene gegenüber den Urhebern und ihren Anliegen wird hervorragend in einem pointierten Provo-Tweet zusammengefasst, den Michael Seemann, der unter @mspro twittert, am 23. März in den digitalen Orbit sendete:

der grundfehler der urheberrechtsdebatte ist die fixe idee, die gesellschaft sei den künstlern ein funktionierendes geschäftsmodell schuldig

In diesem Satz, der bei einigen Künstlern und Publizisten sowie anderen Kreativen für Empörung sorgt, steckt freilich viel Wahrheit. Es gibt in der Tat keinen Anspruch für die Annahme, nur weil man/frau sich an Künstler/in definiere, sei damit schon irgendwie oder genauer gerade dadurch eine Existenzgrundlage gesichert oder überhaupt angelegt.

Die Existenz als Kreative/r muss von Anfang an permanent dem Realitäts-Check ausgesetzt werden. Wesentliche Pfeiler müssen dabei selbst in den Boden gerammt werden – und ohne neue Konzepte und den Willen zu ständiger radikaler Generalüberholung eigener Ideen und Konzepte wird es alles nichts. Wer die technischen Entwicklungen seiner Zeit komplett ignoriert, wird nicht überleben können. Die Politik kann hier allenfalls einen Rahmen setzen.

Allerdings, und hier muss dann am Ende eben doch die Kritik ansetzen, schafft die Gesellschaft mit ihrer Markt- und Rechtsordnung den Rahmen für die wirtschaftliche Existenz. Eine moderne Gesellschaft funktioniert von A bis Z nach rechtlichen Vorgaben. Selbstverständlich ist es möglich, über politische Maßnahmen auch Geschäftsmodelle zu ermöglichen oder weitgehend zu unterbinden.

Für Kreative ist das Urheberrecht ein sehr wichtiges Feld zur Gestaltung ihrer wirtschaftlichen Grundlagen. Das Arbeits- und Sozialrecht sind selbstverständlich auch sehr wichtig, allerdings sind darüber eher nur arbeitnehmerähnliche freie Journalisten zu erfassen. Da das Urheberrecht festlegt, in welchem Umfang Kreative an der Nutzung ihrer Werke mitverdienen, ist die Debatte über das Urheberrecht für freie Journalisten existenzwichtig.

Der Abbau des Urheberrechts – wie ihn die Protagonisten um irights.org, netzpolitik.org und der Firma Google permanent mit ihren Forderungen nach “Fair Use”, kostenlosem Zwangs-Remix von Werken freier Journalisten, Verkürzung der Schutzdauer von Beiträgen etc. fordern, wäre daher existenzbedrohend.

Das Geschäftsmodell, das in den Rahmenbedingungen möglich ist, muss in der Tat jeder selbst basteln. Aber die Rahmenbedingungen selbst können durchaus gestaltet werden, und das Urheberrecht gehört für die Kreativen unverzichtbar dazu. Das ist allerdings in der Tat keine Frage einer “Schuld”, sondern eine Aufgabe für die Kreativen selbst, ihre Forderungen selbstbewusst zu formulieren und nicht einfach zuzuschauen, wie eine selbstbewusste Technik-Elite ihnen die Rechte wegnimmt.

Zum Schluss eine kleine Anmerkung, was das technische Überlegenheitsgefühl der Netzpolitik angeht:

“Wer die Fertigkeiten seiner Zeit nutzt, ist ein Mensch seiner Epoche. Wer allerdings die Kulturtechniken vorheriger Epochen verneint, ist seiner Zeit zu sehr verhaftet.”

(Nach einem französischen Sprichwort)

Michael Hirschler, hir@djv.de

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ein Kommentar vorhanden »

  1. A propos Kulturtechniken: Die ältesten sind die wichtigsten, die jüngsten sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen. Die älteren Medien & Kulturtechniken werden immer erhalten bleiben, weil sie näher am konkreten lebenspraktischen Ursprung liegen (Buch kann ich immer lesen; wenn aber Kindle-Akku leer ist, kann ich keines der hundert gespeicherten Bücher lesen). Das ist die logische Sequenz medialer (& auch sonstiger) Innovation. Im Klartext: Normales Print & Handgeschriebenes werden unverzichtbar bleiben. Sozusagen als “Backup” ;-)