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iBook-Geschäftsbedingungen: Böse, gierig und rechtswidrig?

Von Redaktion • 20.01.12 • Thema: News, Software

“Böse und gierig”, so qualifiziert Ed Bot in ZD.net die Geschäftsbedingungen für die iBook-Software, die Apple seit dem 19. Januar 2012 kostenlos verteilt. Mit der Software, die auch schon vom deutschen Netz-Evangelisten Richard Gutjahr getestet und für durchaus gut befunden wurde, können elektronische Bücher im Handumdrehen produziert werden. Neben dem Apple-eigenen iBook-Format kann das Werk auch in andere Formate exportiert werden.

Die Crux: Die Geschäftsbedingungen von Apple iBook sehen vor, dass die mit der Software produzierten Bücher nur im iBook-Store verkauft werden können. Hier kassiert Apple seine “hausüblichen” 30 Prozent Provision. Auf anderem Weg dürfen die Bücher nicht verkauft werden, selbst wenn es sich um PDF-Dateien handelt. Zulässig ist allerdings die kostenlose Abgabe der Datei.

Kann das überhaupt rechtmäßig sein, fragen jetzt Mitglieder beim DJV an. Sie wollen mit der Software arbeiten und die produzierten Bücher auf verschiedenen Vertriebswegen verkaufen. Müssten solche Bestimmungen nicht als “überraschend” qualifiziert werden können und damit ungültig sein, so beispielsweise eine der Fragen.

In der Tat verbietet das deutsche Recht (unter anderem) überraschende Klauseln in Geschäftsbedingungen. Fragt sich nur, ob diese Klausel als überraschend qualifiziert werden muss. Zunächst einmal ist diese Bestimmung extrem unüblich. Kostenlose Software gibt es im Netz zuhauf, wobei das im Bereich der digitalen Buchproduktion (Layout) oft eher klassische Textverarbeitungsprogramme wie Open Office sind. Diese kostenlosen Programmen sehen keine Restriktionen vor, wie die daraus erzeugten Dateien verwendet werden dürften. Auch im Bereich der Fotobuchproduktion verteilen viele Fotobuch-Anbieter wie etwa fotobuch.de ihre eigene Software (in diesem Fall: Designer 2.0) kostenlos. Auch aus Designer lassen sich Dateien als PDF exportieren. Beschränkungen der Nutzung dieser Dateien sind in den sehr kurzen Geschäftsbedingungen nicht zu finden. Vom Prinzip her kann also jeder die (schon sehr ausgefeilte) Designer-Software als Layoutsoftware nutzen. Apple könnte also nicht argumentieren, es gebe keine kostenlose Designsoftware, die den Export nicht reglementiert. Komplexere Layoutprogramme wie InDesign oder QuarkXPress kosten dagegen Geld. Wer daraus Dateien erzeugt, kann sie dann allerdings auch frei verwerten.

Insgesamt erscheint die Regelung bei Apple als überraschend. Insofern könnte es sein, dass Apple, wenn es den Verkauf dieser PDF-Dateien untersagen möchte oder gegen Anbieter vorgeht, die solche Werke vertreiben, vor deutschen Gerichten scheitert. Umgekehrt wird Apple dem entgegenhalten, dass gerade die (gerade erste anlaufende) Diskussion über die Geschäftsbedingungen bekannt sein dürfte und damit ein Überraschungseffekt auszuschließen sei. Die Debatte über diese Frage jedenfalls dürfte eröffnet sein. An ihr werden sich in den nächsten Tagen noch viele Juristen beteiligen.

Vermutlich wird sich Apple die Sache leicht machen und vor allem andere große Plattformbetreiber abmahnen, wenn sie iBooks von Autoren ins Angebot aufnehmen oder dort hochladen lassen. Einzelne Autoren werden dabei vermutlich weniger im Fokus sein.

Gleichzeitig gibt es aber auch Gegenstimmen, die Apples Regelungen nachvollziehen können. Wenn man sich umhört, meint der eine oder andere: “Halt mal, die Software ist kostenlos. Apple hat hier ein komplexes Tool entwickelt. Irgendwo muss Apple da auch mitverdienen. Und 30 Prozent bei einer derart großen Vertriebsplattform…” An dieser Stelle muss der innere Gewerkschaftler bzw. Pirat mit dem alltagskapitalistischen Sachverstand kämpfen. Die 30 Prozent erscheinen einerseits eine ziemliche Abzocke, andererseits ist es klar, dass hier eine – vermutlich stets weiterentwickelte – Software bereitgestellt wird, die ansonsten Tausende von Euro kosten würde. Große Bildagenturen verlangen oft 50 Prozent (und mehr) für Vertriebsleistungen, und wer seine Bücher über (Print-)Verlage vertreibt, darf in der Regel gerade mal mit 8 bis 12 Prozent vom Nettoladenverkaufspreis rechnen. Also 92 bis 88 Prozent bleiben beim Verlag, dreimal so viel wie bei Apple. Und auch bei Amazon.de gilt für die Anbieter von eBooks eine Gebühr von 30 Prozent. Die Debatte dürfte in jedem Fall eröffnet sein. Verdienen will jeder, kostenlos ohnehin jeder alles haben, gute Software und super Vertriebsleistungen müssen aber auch finanziert werden. Darf da gleich von “gierig” gesprochen werden?

Ein weiterer Wermutstropfen: Wer mit iBooks arbeitet, unterstützt damit die Monopolisierungstendenzen und den technischen Einsperrwahn der Firma Apple. Positiv wiederum: Immerhin hat mal die Firma Google nichts mit einem Geschäftsmodell zu tun. Natürlich arbeitet diese schon längst an einem ähnlichen Androidprojekt, womit wir wieder in der nächsten Konkurrenzspirale wären…

PS: Der Berliner Journalist Ruprecht Frieling hat für die Buchproduktion bei einem anderen Anbieter, konkret Amazon, ein eBook verfasst: “Kindle für Autoren”, erhältlich beispielsweise hier. Kostet schlanke 99 Cent.

Lesenswert ist der (dauernd fortgeschriebene) Selbsterfahrungsbericht eines Amazon-Autoren (Wolfgang Tischer): Erfahrungsbericht: Das eigene Kindle-E-Book bei Amazon verkaufen

Und hier ein Link zum Forum für eBook-Fans: http://ebookgemein.de/forum.php

Für alle Apple-Fans übrigens ernüchternd: Zoodirektor erklärt den Managern von Foxconn, wie mit Arbeiter umzugehen ist “Apple-Fabrikant Foxconn vergleicht Arbeiter mit Tieren” (via @pettre) – wenn der Vorwurf “böse, gierig und (menschen)rechtswidrig” für Apple erhoben wird, in dieser Angelegenheit stimmt es. Nach der Lektüre der menschenverachtenden Methoden von Foxconn liegt es nahe, das iPhone und iBook ins Klo zu werfen.

Michael Hirschler, hir@djv.de

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5 Kommentare »

  1. Danke für den informativen Artikel !

    Eine kleine Anmerkung, den Schlusssatz betreffend, kann ich mir jedoch leider nicht verkneifen:
    alle anderen Smartphones werden ja bekanntlich in Schweizer Manufakturen gefertigt (Quelle: Netzfund, Autor mir unbekannt)..

  2. Von mir auch ein großes Dankeschön für den zeitnahen Artikel.

    Wie sieht es eigentlich mit bereits gedruckten und im Vertrieb befindlichen Büchern aus, von denen man nun eine interaktive iBook-Version herausgeben möchte? Geben die Lizenzbedingungen das her? Oder muss man sein Papierbuch dann vom Markt nehmen?

  3. Apple meint m.E. das konkrete optische Werk mit Umbruch/Layout, 3-D-Bildern usw, nicht den bloßen
    Inhalt.

  4. @Boris M, ja, vermutlich sitzen wir erstmal in der Konsumentenfalle (“Kommentar mit iPhone geschrieben”). Aber da muss trotzdem mal überlegen, wie diesem Möchtegern-Zoodirektor von Apple-Foxconn mal unter Druck setzen könnte…

  5. Danke für de Hinweis.

    Allerdings sollte man eines bedenken: Man bindet sich nur mit dem über die Software erstellten ePub an Apple. Es hält einen niemand davon ab, mit einer anderen Software ein identisches ePub zu entwerfen, das man dann auch auf anderen Plattformen anbieten kann.

    Viel wichtiger ist für mich der Umstand, dass man eine US-Steuernummer benötigt, um diese eBooks kommerziell anzubieten. Und das ist ein Aufwand, den ich schon bei Amazon (für die.com-Verkäufe) scheue.