Huffington Post, eine Slavengaleere? Was haben die Autoren eigentlich erwartet?
Von Redaktion • 17.02.11 • Thema: Ausland, Honorare, Markt/Vermarktung, News, Online, UrheberrechtMit einem kritischen Video kommentiert der US-Cartoonist Mark Fiore den Verkauf der Huffington Post an AOL. Der Verkauf brachte der Eigentümerin Arianna Huffington 315 Millionen Dollar. Rund 6.000 freie Autoren, die der Huffington Post bisher kostenlos zugearbeitet hatten, erhalten davon keinen eigenen Cent. Das System Huffington Post erscheint im Video von Mark Fiore als Teil eines zynischen Mediensystems, das aus kostenlos arbeitenden Autoren und aufeinander über Aggregatoren verweisenden Internetseiten besteht, das hochgradig selbstreferenziell wird und am Ende echten Journalismus gar nicht mehr zulässt.
Doch gleichzeitig stellt sich die Frage, warum die Autoren überhaupt so negativ reagieren. Geht es allein um AOL als unsympathischen, traditionellen Mediengiganten, in dessen System sie jetzt integriert werden? Oder sorgt für Irritationen, dass eine einzige Person exoribitant viel Geld mit den Inhalten anderer verdienen kann, für die sie oft nicht einen einzigen US-Cent gezahlt hatte?
Die New Yorker Autorin R.B. Stuart** rechnet vor, dass sie in den letzten Jahren 25 bis 30 Beiträge im Wert von 25.000 Dollar kostenlos an die Huffington Post geliefert habe. Den Verkauf kostenlos gelieferter Beiträge könne sie nicht akzeptieren, schreibt sie und sieht einen Wendepunkt für die Internet-Publizistik:
Since the Internet is unregulated when it comes to rights for writers and photographers, then my fellow scribers, this should be a turning point where we no longer write for free.
Stuart spricht in diesem Zusammenhang auch von einer “Sklavengaleere”, mit der zusammen Arianna Huffington nicht nur ihre Seele verkauft, sondern auch sich selbst diskreditiert habe.
Arianna not only sold her soul as well as her ship of slaves, but in my opinion, she sowed the seeds of her own demise with this act of greed and exploitation.
Wie die Financial Times Deutschland und der britische Guardian berichten*, weist Huffington die Vorwürfe allerdings zurück. Nie sei bewusst nach kostenlos arbeitenden Autoren gesucht worden, hat sie demnach gekontert. Vielmehr hätten die Autoren von ihren Veröffentlichungen auf der Huffington Post durch Folgeaufträge von anderen Medien und Institutionen profitiert.
Dem Beobachter stellt sich in der Tat die Frage, was die Autoren eigentlich erwartet haben, als sie kostenlos Inhalte lieferten. Unwahrscheinlich ist, dass sie die Huffington Post, deren privatwirtschaftliche Grundlage bereits durch den Namen der Besitzerin mehr als deutlich war, mit einer gemeinnützigen Stiftung oder einer Art Bürgerfunk verwechselt haben. Eher zweifelhaft erscheint auch die von Huffington beschriebene Erwartung von Autoren, dass sie eine Art Freemium-Prinzip verfolgten. Also die in einigen Fällen funktionierende Strategie, bestimmte Inhalte kostenlos anzubieten, um Neugier und Aufmerksamkeit auf dann kostenpflichtige Inhalte oder Auftritte wie etwa bei Vortragsveranstaltungen zu lenken. Sicherlich wird das eine Rolle bei einigen Autoren gespielt haben, aber bei allen?
Viel wahrscheinlicher erscheint, dass es um den Käufer geht. AOL ist das Symbol für erfolglose Internetinvestitionen, für ein erfolgloses Business-Modell nach dem anderen. Ken Auletta hat diese Geschichte in einem langen Beitrag in “The New Yorker” vom 24. Januar 2011 ausführlich beschrieben, der auf den ersten Blick als Eloge auf den – eher noch neuen – Chef von AOL, Tim Armstrong, erscheint. Er versucht in letzter Zeit, durch diverse Übernahmen – wie beispielsweise auch des hyperlokalen Internetangebotes Patch.com – das Ruder umzuwerfen. Der Kauf der Huffington Post gehört zu diesen Innovationsversuchen.
Bei den Autoren mag dieser Kauf damit wie die Berührung durch den tumben Tor ankommen. Wer innovativ schreibt, möchte das nicht für Konzerne tun, die für die Vergangenheit und wenig Erfolg stehen. Der Umstand, dass dann noch für den Erwerb ein Riesenbetrag gezahlt wurde, mag schließlich das Fass für viele zum Überlaufen gebracht haben. Das Bewusstsein, ein “Sklave” zu sein, entsteht mitunter erst dann, wenn deutlich wird, dass der Arbeitgeber mit der erbrachten Arbeit überproportionale Gewinne erzielt.
Was der Vorgang für freie Autoren in Deutschland bedeutet? Vermutlich sollte mehr als zuvor darüber nachgedacht werden, für wen unter welchen Konditionen gearbeitet wird. Wer nicht bewusst und mit feststellbaren Erfolg auf Freemium setzen kann, sollte sich seine Kunden gut aussuchen, damit es später nicht auch in Deutschland “Huffington Post II” heißt.
Michael Hirschler
*Links via @red_zet
**Korrektur 19.2.: Autorin R.B. Stuart, Danke an Thomas Reintjes (in einem weiteren Beitrag zum Thema Huffington Post / Autorenproteste in DRadio Wissen)
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