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Gesucht: Weiblich, millionenschwer, linksliberal: Wer wird die deutsche HuffPo machen?

Von Redaktion • 24.01.12 • Thema: Honorare, News, Online

Gesucht wird: Weiblich, Millionärin (am besten mehrfach), irgendwie linksliberal angehaucht, eher unverbandelt mit deutschen Medienhäusern, aber mit Top-Kontakten ins unternehmerische Establishment. So dürfte der Steckbrief aussehen, mit dem ein Spezialteam der Huffington Post in Deutschland nach einer Herausgeberin oder Chefin für die deutschsprachige Ausgabe der Huffington Post fahndet.

Die Huffington Post, ein Erfolgsmodell der Netzpresse oder zumindest für ihre Gründerin, Arianna Huffington. Sie verkaufte ihre Netzpostille im Jahr 2011 für 315 Millionen Dollar an AOL, 6.000 Autoren schauten in die Röhre (der Freienblog berichtete dazu). Sie hatten für Ruhm und Ehre geschrieben. Einige verstanden wohl erst beim Verkauf, für wen das Geschäftsmodell “Journalist ehrenhalber” wirklich funktioniert. Eine Reihe von Autoren um den ehemaligen Präsidenten der National Writers Union (NWU), Jonathan Tasini, kündigten damals eine Klage an.

Eine Netzpostille liberaler Millionäre

Die Huffington Post ist kein Modell für Garagenbastler. Arianna Huffington war schon dem Launch der Netz-Zeitung mehrfache Millionärin. In Frankreich, wo die Seite jetzt ebenfalls mit einer eigenen Ausgabe startete, wurde als redaktionelle Leitung Anne Sinclair gewonnen. Multimillionärin, journalistisch erfahren, übrigens auch Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, einstmals als Top-Kandidat für die kommende Präsidentschaftswahl gehandelt. In einem Interview mit der Finanzzeitung “Les Echos” [frz.] erläutert Arianna Huffington, warum die Wahl auf Anne Sinclair fiel.

Die französische Ausgabe ist die dritte Ausgabe der Huffington Post außerhalb der USA, nach Kanada und Großbritannien. Eine deutsche Ausgabe ist geplant, kein Wunder angesichts des deutschen Werbemarkts. Allerdings war zuletzt zu hören, dass Gespräche mit dem Spiegel-Verlag gescheitert sein sollen. Der deutsche Verlag habe kein Interesse daran gehabt, sich eine Konkurrenz heranzuzüchten. Eine Sorge, die bei der chronisch unterfinanzierten Gruppe von “Le Monde” offenbar beiseite geschoben wurde, mit der AOL eine Kooperation einging.

Spekulationen ohne Ende

Welcher Verlag wird sich auf das Wagnis einlassen, sich eine Konkurrenz im Verbundsystem heranzuzüchten? Und wer wird als Herausgeberin ausgewählt? Beim (vollkommen faktenlosen) Ratespiel fallen spontan Franziska, aber auch Jakob Augstein ins Auge. Journalistische Kompetenz ist vorhanden, und der Umbau des “Freitag” zur deutschen Huffington würde ja vermutlich auch nicht wirklich auffallen. Wenn umgekehrt vom Standpunkt verlegerischer Pioniertaten gedacht wird, fällt das Auge eher auf den F.A.Z.-Verlag, der ja immerhin schon seine Sonntagszeitung erfolgreich am Markt platzierte und es sich mangels wirklicher Überschneidung von Zielgruppen leisten könnte, mal eben eine deutsche “HuffPo” heranzuzüchten. Unabhängige Multimilliardärinnen, die ins Beuteschema von Arianna Huffington passen, gibt es ansonsten in Deutschland beispielsweise mit Friede Springer oder Liz Mohn. Auch sie könnten mal eben ihr Portemonnaie aufmachen, damit frau beim nächsten Besuch in New York etwas mehr gemeinsame Gesprächsthemen mit Arianna und sonstigen Gesellschaftsspitzen hat. Oder jemand aus der verlagslos gewordenen Verlegerfamilie Brost vielleicht? Wie dem auch sei, für Spekulationssüchtige stehen hier unten die Kommentarspalten zur Verfügung.

Wer macht die Huffington Post am Ende wirklich?

Bei allen aufregenden Spekulationen* darf nicht unterschlagen werden**, dass weder die Verlage noch die leitenden Millionärinnen die Netzpost wirklich machen werden. Produzenten sind im System der Huffington Post engagierte Autoren, die schlicht und einfach kein Geld erhalten werden. Sie schreiben für Ruhm und Ehre oder aus ganz eigenen Motiven. Auch in Frankreich wird den Autoren nichts gezahlt werden. “Es ist unsere Verlagspolitik, nichts zu zahlen: Sie profitieren von unserer Anziehungskraft, von unserer technologischen Plattform”, sagte Huffington gegenüber “Les Echos”.

Warum, um alles in der Welt, schreiben Autoren für sage und schreibe nichts? Möglicherweise eines Tages sogar die gleichen Autoren, die im gleichen Atemzug mit tiefster Überzeugung verkünden, die von den Gewerkschaften für freie Autoren jahrelang verhandelten Vergütungsregeln für die Nutzung ihrer Beiträge seien zu niedrig und insgesamt eine Schande für die Vertretung der Interessen freier Journalisten?

Die Kalkulation ist klar: Viele der kostenlos tätigen Autoren haben lukrative Nebengeschäfte, die oft sogar das eigentliche Geschäft darstellen. Hinter der Berufsbezeichnung “Autor” und “Journalist” versteckt sich ein hochdifferenziertes Berufsbild, das ungefähr in folgender Weise umschrieben werden könnte: Vortragender und Moderator (grundsätzlich zu jedem Thema von Politik, Gesellschaft, Medien, Technik), abrufbar durch Weiterbildungseinrichtungen, Polit- und Firmenstiftungen, bezahlter Talkshowgast, Trainer, Coach, Buchautor. Ersatzweise: Hausmann oder Hausfrau einer wohlverdienden Beamtin, oder Pensionär bzw. ehemaliger, jetzt verrenteter Redakteur ohne besonderen Auftrag. Gelegentlich kommt das Berufsbild des direkt oder indirekt bezahlten Lobbyisten dazu, außerdem der frei buchbare Lobbyist, der mit seinem Blog öffentlichkeitswirksame Spitzen in die richtige Richtung absondern kann. Was besonders dann wirksam wird, wenn es zwanzig oder dreißig (direkt oder indirekt finanzierte) Autoren gleichzeitig tun.

Das Geldverdienen durch Schreibe ist in diesem Geschäftsmodell gar nicht notwendig (was auch erklärt, warum eine ganze Reihe von Autoren jetzt sogar geradezu fanatisch gegen das Urheberrecht polemisiert – selbst wird es nicht gebraucht, dagegen stört es beim Abschreiben, siehe als Paradefall die Rezensionskürzungen durch Perlentaucher.de).

Ganz im Gegenteil mag der eine oder andere das in Zukunft sogar als Tugend unterstreichen. Anders als die “Lohnschreiber” ist das Geschäftsmodell des lohnlosen Schreibers ja augenscheinlich finanziell unabhängig. Die Millionärinnen und Verlage sehen es in jedem Fall gerne, denn auch sie sind in ihrer Publizistik unabhängig von politischen Meinungen oder gar Rücksichtnahmen, und verdienen sogar Geld dabei.

Gleichzeitig ist klar, dass das Reputationsmodell der Medien für viele nicht aufgehen wird. Nur ein kleiner Teil wird zu den Superstars gehören, die ihre Netzpräsenz monetarisieren können. Die übrigen Autoren werden vermutlich, wenn die deutsche HuffPo eines Tages wieder gewinnbringend weiter verkauft werden sollte, empört aufwachen und Beteiligungen einfordern. So irgendwann, etwa im Jahr 2015. Wir werden uns in jenem Jahr jedes besserwisserischen Kommentars enthalten. Außer dem einen: Warum habt Ihr eigentlich die deutsche HuffPo nicht selbst gemacht? Warum?***

Michael Hirschler

Aktualisierung: Burda? Burda?

*der Leser vermutet richtig, dass weiterführende Überlegungen eher in die “BUNTE” gehören als in einen schnöden Gewerkschaftsblog
**der Leser vermutet richtig, das dies das Motiv dieses Beitrags sei
***Die Antwort wird natürlich lauten: Wir waren ja keine (Multi-)Millionäre. Womit eben alles am Ende ein logisch in sich geschlossener Zirkel wäre.

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