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Crowdfunding im Journalismus: Auf allen Kanälen Begeisterung über Spendenfinanzierung

Von Redaktion • 24.06.11 • Thema: Crowdfunding, Honorare, Markt/Vermarktung, News, Online, Software

Das Thema Crowdfunding trendet. Spendenfinanzierter Journalismus, Geld aus der Masse der Internetnutzer, das klingt vielversprechend. Warum auch nicht? Schon heute beträgt der – noch sehr traditionell organisierte – deutsche Spendenmarkt jährlich 2,3 Milliarden Euro. Wie viel mehr könnten es sein, wenn es über Onlinekanäle noch einfacher wäre, Geld an Projekte zu überweisen? Und wäre dort nicht auch Geld für Journalisten drin, die engagiert und aufwändig recherchieren wollen?

Schon heute ist Journalismus oft über Spendenfinanzierung und andere Geldquellen subventioniert. Der Markt allein garantiert keinen Qualitätsjournalismus, das ist schon mehr als einem Jahrhundert bekannt. Gleichzeitig finden viele Leser ihre Interessen in bestehenden Medien nicht wieder und wollen deswegen alternative Sichtweisen. Was vielleicht die Arbeiterbewegung angesichts einer demokratiefeindlichen bürgerlichen Presse mit ihrer Arbeiterpresse begonnen hat (die heute sehr substantiell in der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft, DDVG, der SPD fortbesteht), ist von vielen anderen Interessenorganisationen, Parteien und auch Unternehmen in der weiteren Geschichte durch viele Zeitungs-, Zeitschriften-, Radio- und Fernsehgründungen fortgesetzt worden. Selbst das berühmte Wolff´sche Telegraphische Bureau nahm Zahlungen des preußischen Staatsministeriums entgegen, um dessen Politik zu fördern. Auch Rundfunkanstalten erhalten durch Rundfunkgebühren Geldmittel, die sie auf dem freien Markt nie bekommen könnten. Selbst ein internationaler Sender wie Al-Jazeera wird direkt aus dem Königshaus finanziert – und jeder Informierte weiß, warum.

Journalisten erhalten schon heute über verschiedenste Institutionen Auszeichnungen und Preise, deren Ziel natürlich in der weiteren Förderung ihrer Arbeitsweise und Themen besteht. Stiftungen und Fördereinrichtungen stellen Mittel zur Verfügung, die zum Stiftungs- oder Vereinszweck passen. Auch die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst hat einen Kulturfonds, der Projekte von Fotojournalisten unterstützt.

Was also ist neu am Crowdfunding?

Neu ist vor allem, dass die Wege kürzer zu werden scheinen. Statt mühsam Fördereinrichtungen, Vereine, Stiftungen und sonstige Geldgeber ausfindig zu machen, statt Anträge zu schreiben und auf Sitzungsintervalle von Entscheidungsgremien warten zu müssen, können Projekte im Nu online gestellt werden. Wenn sie den richtigen Nerv treffen, können 10.000 Euro und mehr gesammelt werden. Ist weniger Geld erforderlich, kann es noch einfacher sein.

Als derzeit in Deutschland besonders in Auge fallende Plattformen sind insbesondere http://www.mysherpas.com und startnext.de zu nennen.

Bei mysherpas gibt es unter dem Thema Journalismus allerdings noch keine erfolgreichen Projekte gibt, siehe Screenshot:

Dagegen sieht es unter “Schriftsteller” bei einem Sachbuch der Lektorin und Autorin Andrea Kamphuis ganz anders aus. Ihr Buchprojekt wurde sogar mit 132 Prozent überzeichnet. Das noch gar nicht geschriebene Buch über eine seltene Krankheit hat offenbar viele Interessenten – hier wurde der Nerv getroffen, sicherlich auch von Betroffenen und/oder deren Angehörigen. (Mit-)Betroffenheit mag damit eine wichtige Komponente bei der Vermarktung der eigenen Projektidee sein. Die engagierte Darstellung des Projekt durch Andrea Kamphuis hat sicherlich ganz besonders zum Erfolg beigetragen. Das mag für andere als Vorbild dienen.

Wer jetzt eine oder seine Lieblingsplattform für Deutschland vermisst, darf im Sinne des Crowdsourcing-Gedanken den Hinweis darauf im Kommentarfeld dieses Beitrags abgeben. Dieser Beitrag soll ja nur ein erster Anlauf sein und sich gar nicht erst dem Verdacht aussetzen, in der expandierenden Crowdfunding-Branche irgendwelche Präferenzen zu kultivieren.

Weitere Plattformen im Ausland – beispielsweise für Fotojournalisten und im Dokumentarfilmbereich

In den USA ist im Bereich des Bildjournalismus insbesondere die Plattform emphas.is bekannt geworden. Ein weiterer, häufig genannter Name ist die Plattform spot.us. Im Bereich des Dokumentarfilms hkann die Förderung von Filmprojekten funktionieren, wie Wolfgang Gumpelmaier in einem hörenswerten Vortrag auf dem Dokumentarfilmer-Treffen dokville berichtete (hier der Link zur Seite, die dann zur mp3 führt). Zum Thema Dokumentarfilm gibt es auch eine Präsentation von Gumpelmaier bei Slideshare.net. Gumpelmaier hat übrigens gerade (heute, 24. Juni 2011) angekündigt, einen “Crowdfunding-Newsletter” einzurichten, Adresse hier: http://eepurl.com/dEyB6.

Nicht vergessen: Social Fundraising

Wie so oft im Netz scheint alles neu, doch konvergieren verschiedene Ansätze. Während neue Crowdfunding-Sites gefeiert werden, schauen die Campaigner des “Social Fundraising” oder alterwürdige Offline-Fundraiser erstaunt zu. Das haben sie doch auch im Angebot, grummeln sie. Eine englischsprachige Aufstellung vorhandener Online-Tools kommt auf rund 24 Dienste. In Deutschland sind Namen zu nennen wie betterplace.org, spendino, altruja und viele mehr. Auch hier wird an dieser Stelle kein Anspruch auf repräsentative Auswahl und erschöpfende Erwähnung erhoben. Dienste-Anbieter wie auch deren Kritiker sind herzlich eingeladen, im Zweifelsfall im Kommentarfeld erschöpfende Ausführungen zu machen. Für alle anderen gilt, einfach mal “Social Fundraising” durch zu googeln.

Alles kann gefördert werden

Grundsätzlich kann durch Spendenplattformen alles gefördert werden. Interessante Reportagefilme, Ausrüstung für das Journalistenbüro wie etwa eine Videoschnittsoftware (über Spenden von rund 2.000 Euro berichtete kürzlich ein Videojournalist auf Twitter), Reisekosten – und natürlich sogar Robocop, dem Detroits Bürger angesichts grassierender sozialer Verwahrlosung geradezu verzweifelt ein Denkmal setzen werden. Das Geld für sein Denkmal ist bereits gesammelt.

Spenden über Buttons: Flattr und Kachingle

Wenn über Crowdfunding gesprochen wird, sollte am Ende natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass es mit Flattr und Kachingle den Spendenknopf in der eigenen Website gibt. Allerdings ist das Konzept dieser “Spendenknöpfe” ein wenig enger als das der großen Crowdfunding-Plattformen, weil hier einzelne Artikel mit Geld bedacht werden sollen, weniger ganze Projekte (wobei auch das grundsätzlich möglich wäre).

Die Lösung für alle freien Journalisten?

Die Begeisterung über das Geld aus der Masse (man möchte auch sagen: Wolke, Cloudfunding…) darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesetze des Marktes auch im Crowdfunding wirksam werden. Anbieter von Spendenplattformen wie Ideen-Einreicher werden zunehmend stärkerer Konkurrenz ausgesetzt werden, es wird natürlich auch skandalöse Fälle geben, in denen Projektgelder nicht so eingesetzt werden wie versprochen. Mangels wirksamer Spendenkontrolle (die in diesen Systemen anders als bei traditionellen, geprüften Einrichtungen praktisch kaum funktioniert) wird noch einiges an Vertrauen enttäuscht werden. Darauf aufbauen wird dann vielleicht eines Tages Crowdfunding 2.0, eine Art Wikipedia für Funder, mit einem Board von ehrenamtlichen Controllern (vielleicht durch ehrenamtliches Crowdsourcing), die der Mittelverwendung auch nachgehen. In jedem Fall wird Crowdfunding – von Sonderfällen abgesehen – bei den meisten Freien wohl kaum mehr als fünf Prozent an Einkommen ausmachen können. Aber auch das ist Geld.

Mag das System durch Konkurrenz und Enttäuschungen einiges an Glanz verlieren, so wird es zugleich aber auch traditionelle Stiftungen unter Druck setzen, sich den Themen zuzuwenden, die das Publikum auswählt. Schon das mag einiges an positiver Wirkung entfalten. Allerdings ab dem zwanzigsten Robocop-Denkmal (warum hat Berlin eigentlich noch keines?) wird auch die Weisheit des Schwarmes wiederum in Frage gestellt werden dürfen, wenn zeitgleich irgendwo auf der Welt Flüchtlinge in Elendshütten darben.

Nicht alles taugt für die Öffentlichkeit

Hinzu kommt: Längst nicht alle Ideen taugen für die öffentliche Bereitstellung in Plattformen. Denn was in der Öffentlichkeit steht, wird als Idee auch gerne von Redaktionen übernommen, die den fraglichen Beitrag dann – weil eine gute Idee – einfach selbst produzieren lassen. Oder gar von freien Kollegen, die irgendeinem anderen Geldgeber das notwendige Budget dann doch noch heraus argumentieren können. Insofern gehören in solche Plattformen solche Projekte, die einem ohnehin eher keiner wirklich wegnehmen würde, oder die einen Gesamtinvestitionsaufwand haben, der andere automatisch ausschließt.

Aufwand versus Ertrag

Wer auf Crowdfunding zielt, muss durchaus mit einigem Marketingaufwand rechnen. In der eigenen Community, im eigenen beruflichen oder Interessensumfeld. Unter Umständen muss diese erst einmal für das Thema überhaupt etabliert werden. Kein Fall für jede/n. Begnadete Selbstvermarkter mit einem besonders wichtigem Anliegen mag das nicht schwer fallen. Für andere mag es dabei bleiben, dass sie sich das Geld auf anderem Weg beschaffen müssen oder nur nach längerer Beratung einsteigen werden. Vermutlich kommt es in diesem Zusammenhang zur Entstehung eines ganzen Beratungsumfelds, in dem fachkundige Berater entgeltpflichtig über die richtige Vermarktung des eigenen Projekts im Crowdfunding beraten…

Michael Hirschler

PS: Hier noch ein Link zu einem Podcast zum gleichen Thema

[Mobilnutzer-Hinweis: Sie können den nachfolgenden Link u.U. nicht sehen. Sie finden den Podcast dann auf dieser externen Adresse: http://cinch.fm/freie/248583]

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4 Kommentare »

  1. Danke für die Erwähnung! Crowdfunding-Newsletter Nummer 1 geht heute noch raus :-)

  2. Zitat: “Längst nicht alle Ideen taugen für die öffentliche Bereitstellung in Plattformen. Denn was in der Öffentlichkeit steht, wird als Idee auch gerne von Redaktionen übernommen, die den fraglichen Beitrag dann – weil eine gute Idee – einfach selbst produzieren lassen.”
    Auf welchen Fakten basiert diese Aussage und der weitere Inhalt des Absatzes?

    David Cohn, der Gründer der oben erwähnten US-Crowdfunding-Plattform spot.us, kann diese Aussage z.B. nicht bestätigen. Er sagt dazu in einem Interview: “Als möglichen Nachteil nennen manche Journalisten die Gefahr, dass Themenvorschläge geklaut werden können. Das ist aber bisher noch nicht ein einziges Mal passiert. Es kann eigentlich auch nicht passieren, denn in dem Moment, wo ein Journalist seinen Themenvorschlag veröffentlicht, hat er damit seinen Claim abgesteckt und alle anderen ausgestochen. Aber die Angst vor dem Themenklau ist natürlich da, dafür habe ich Verständnis.” (Quelle: http://medialdigital.de/2010/08/20/community-focused-sponsorship-david-cohn-uber-neue-entwicklungen-bei-spot-us/)

    Speziell im Bereich Crowdfunding im Journalismus wäre noch das neue Projekt von Media Funders zu nennen, welches sich gezielt an die Förderung und Finanzierung von unabhängigem Journalismus macht: http://mediafunders.net/projekt/

    Media Funders wird eine gemeinnützige Crowdfunding- und Crowdsourcing-Plattform und arbeitet eng mit Journalismus- und Medien-Verbänden, Stiftungen, Medien und Journalisten etc. zusammen. Mit Media Funders entsteht damit eine Plattform in Europa, welche sich gezielt auf die Finanzierung von unabhängigen Reportagen und Journalismus-Projekten ausrichtet.

  3. Auch ein herzliches Dankeschön für die Erwähnung von meiner Seite. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir die noch leere Kategorie Journalismus langsam füllen können. Habt ihr Ideen für Projekte??

  4. Es gibt ein viel größeres Problem als Ideenklau: Wenn ich wirklich investigativ arbeiten und etwas Unerhörtes aufdecken will, darf ich keine schlafenden Hunde wecken. Posaune ich heraus, was ich recherchieren will, warne ich automatisch diejenigen, denen ich auf die Schliche kommen will. Damit eignet sich diese Finanzierungsform per se nicht für die Fälle, in denen sie eigentlich am dringendsten benötigt würde.