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Ab nach Tunesien – was freie Journalisten beachten sollten: Ein aktueller Bericht aus Tunis

Von Redaktion • 01.02.11 • Thema: Ausland, News, Recherche

Als freie Journalistin in Tunesien

Ein Bericht von Sarah Mersch, freie Journalistin (Tunis)

„Sind Sie Journalistin?“ fragt ein Soldat. Ich bejahe zögerlich, frage, ob er meine Akkreditierung sehen wolle. „Nein, nein, kein Problem. Schönen Tag noch“, sagt er und geht weiter. Vor ein paar Wochen wäre so eine Szene in Tunesien noch unvorstellbar gewesen. Wer als Ausländer eine Akkreditierung bekommen hatte und offiziell als Journalist unterwegs war, hatte auf Schritt und Tritt einen Aufpasser dabei, – und wer mit einem Touristenvisum kam, früher oder später in der Regel auch. Ganz zu schweigen von dem ständigen Wissen, dass die eigene Arbeit im Zweifelsfall einen dem System ungeliebten Interviewpartner ins Gefängnis bringen konnte.

Ich war in den letzten Jahren immer wieder als Journalistin in Tunesien, mal mit, mal ohne Akkreditierung. Nach einem Jahr in einem anderen Projekt in Tunis hatte ich mich gerade wieder als Journalistin selbständig gemacht, da kam der Umbruch – schon am 15.Januar, dem Tag, nach dem Ben Ali fluchtartig das Land verlassen hatte, standen auf einmal alle Tunesier auf der Straße, diskutierten trotz der noch angespannten Sicherlage in den Cafés voller Begeisterung über die Ereignisse des vergangenen Tages und die noch völlig offene Zukunft des Landes.

War es früher oft ein Ding der Unmöglichkeit, Stimmen von „Otto Normalverbraucher“ zu bekommen, bildet sich inzwischen schnell eine Menschentraube, sobald man Mikro oder Kamera auspackt. Und von staatlicher Seite interessierte sich auf einmal kaum jemand mehr dafür, wer eigentlich Journalist war. Hat man einmal den richtigen Ansprechpartner gefunden ist, die Akkreditierung inzwischen Sache einer Viertelstunde. Die oft verfluchte Agence Tunisienne de la Communication Exterieure (Tunesische Behörde für Auslandskommunikation – ATCE), zuständig für ausländische Journalisten, ist inzwischen quasi kopflos, denn das Kommunikationsministerium, dem sie unterstand, wurde von der Übergangsregierung aufgelöst – und der Behörde steht wohl bald ähnliches bevor. In der Zwischenzeit hat sie, wie nach Augenzeugenberichten auch viele andere Institutionen, etliche Akten zerstört, die Auskunft darüber hätten geben können, welche Informationen vom Geheimdienst über die Journalisten gesammelt wurden – warum ich irgendwann von der Polizei am Flughafen abgeholt wurde und andere Kollegen gar nicht erst einreisen durften, werde ich wohl auch nicht mehr erfahren.

Obwohl die Situation hinsichtlich Akkreditierung gerade etwas unübersichtlich und im Fluss ist und Deutsche zur Einreise nach Tunesien kein Visum benötigen, ist es trotzdem ratsam, sich als Journalist zu akkreditieren. Dies erleichtert vor allen Fernseh- und Radio-Journalisten die Arbeit bei möglichen Nachfragen sehr. Entweder man setzt sich vor der Abreise mit dem Presseattaché der tunesischen Botschaft in Berlin in Verbindung (vor allem bei Einreise mit Team ist das sinnvoll, um sich langes Warten und Diskussionen am Zoll wegen des Equipments zu ersparen), oder aber man meldet sich in Tunis direkt bei der ATCE.

Um mit Parteisprechern, kleineren Organisationen und Interviewpartnern in Kontakt zu kommen, ist Facebook oft die einfachste Variante (und wird auch nicht als unseriös angesehen) und wesentlich schneller, als lange zu versuchen, den oder die Zuständigen ans Telefon zu bekommen. Einfach im Büro vorbeizugehen ist ebenfalls völlig akzeptabel und oft die einfachste Lösung (das gilt übrigens auch für die ATCE). Für staatliche Institutionen gilt: seriöse Kleidung, Geduld und höfliches Insistieren machen vieles möglich.

Die Sicherheitslage ist zurzeit relativ stabil, aber es gilt nach wie vor eine Ausgangssperre (Stand 1. Februar 2011: 22.04 Uhr) und der Ausnahmezustand. Es kommt auch noch vereinzelt zu teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen. Insofern ist es durchaus sinnvoll, sich im Zweifelsfall mit ortskundigen Personen zu bewegen, die gut vernetzt sind, um schnell aktuelle Informationen über die Lage erhalten können. Französisch reicht in Tunesien fast immer aus, um zu kommunizieren, aber gerade auf dem Land kann ein Übersetzer hilfreich sein. Auch Italienisch wird von vielen Tunesiern zumindest verstanden, Englisch nur teilweise.

Kontakt zu Sarah Mersch: Per Email (sarahmersch@gmail.com) oder via Twitter: sarah81m

Bitte lesen Sie auch ““Ab nach Ägypten, Tunesien, Jemen…” – was freie Journalisten für den Auslandseinsatz noch schnell regeln sollten” und das ausführliche Versicherungs-Skript (PDF) des DJV-Versicherungsmaklers.

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ein Kommentar vorhanden »

  1. Hallo Frau Mersch,

    danke für den aktuellen Artikel. Ich habe eine umgekehrte Erfahrung gemacht. Wir sind 3-4 mal pro Jahr in Tunesien, aber als Fachjournalisten für den Motorsport (Wüstenrallies). Wir haben immer vorab über einen tunesischen Freund Akkreditierungen und Drehgenehmigungen organisiert, alles immer ohne Probleme. In das politische Geschehen haben wir uns nicht eingemischt, da wir nur über den Sport berichteten.

    Meiner Erfahrung nach wurden anscheinend auch “positive” Daten angelegt. So habe ich die Erfahrung gemacht, das ich bei Einreisen per Flugzeug immer die schnellere Diplomatenlinie benutzen durfte. Bei der Einreise per Fahrzeug hat nach dem obligatorischen Pass-Scan in La Goulette ebenfalls eine beschleunigte Einreise stattgefunden, sprich keine Kontrolle des Fahrzeuges und der Technik.

    Wir sind in vier Wochen erneut in Tunesien und gespannt, wie sich die Einreise (diesmal wieder mit Auto) verändert hat.

    Mit besten Grüssen,
    Hansy Schekahn
    marathonrally.com

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