suite101 – zwischen Umsatzpauschale und Klickbetrug
Von Redaktion • 30.01.08 • Thema: Honorare, Markt/Vermarktung, News für Freie Die bisher auf die USA und Kanada ausgerichtete Autorenplattform “suite101″ will in Kürze auch in Deutschland starten und sucht noch freiberufliche Autorinnen und Autoren. Diese sollen regelmäßig Beiträge liefern; die Firma will die Texte dann für mindestens ein Jahr exklusiv im Internet nutzen. Gezahlt wird allerdings kein festes Honorar, nicht einmal ein Grundhonorar. Lediglich eine Umsatzbeteiligung an der Werbung (regelmäßig Google-Anzeigen) wird eingeräumt. Die Klickzahlen auf den eigenen “Unterseiten” sind damit entscheidend.
Das Dilemma der Autoren besteht natürlich auch darin, dass sie durch ihre Beiträge einerseits die Bekanntheit von suite101 ausbauen, dadurch aber andererseits neue Autoren hinzukommen, die ihnen Leseranteile und damit Umsätze wegnehmen. Damit der (zu erwartende) Frust der Autorinnen und Autoren über geringe Umsätze und Einnahmen nicht zu Selbsthilfemaßnahmen führt, sind sogar die Folgen eines so genannten “Klickbetrugs” explizit in den Geschäftsbedingungen geregelt.
suite101 ist eine kanadische Firma und war bisher in den USA und Kanada aktiv. Dort erreicht sie laut Eigenangaben monatlich 4,5 Millionen Klicks. Wirtschaftlich erfolgreich war das Projekt bisher wohl weniger. In der Zeit der ersten Internet-Blase war es an der Börse notiert, später wurde es von Finanzinvestoren übernommen. In den USA hat suite101 laut dem Internet-Statistikdienst Quantcast Platz 775 unter den US-Seiten mit rund 2,5 2,8 Millionen Besuchern. Die am besten besuchte Rubrik ist laut Quantcast – in Analogie zu Marions Kochbuch in Deutschland – eine Rezepte-Unterseite http://southerncuisine.suite101.com. Sie erreicht einen Anteil von rund 2,5 Prozent der Besucher und damit rund 58.000 monatliche Besucher (in den USA laut Quantcast). Nach Berichten von Nutzern zahlt suite101 pro 1.000 Klicks zwischen 1,50 Dollar und 4 Dollar. Das hieße: Selbst die am besten besuchte Seite von suite101.com führt zu einer Einnahme zwischen 100 bis 230 Dollar, umgerechnet also zwischen 70 bis 180 Euro monatlich.
Über die Bemessung der Umsatzbeteiligung in Deutschland ist noch nichts bekannt. Es erscheint aber zweifelhaft, dass die deutsche Ausgabe mehr zahlen wird als die amerikanische Variante. Das Angebot qualitativ hochstehender Internetangebote ist in Deutschland auch dank der öffentlich-rechtlichen Anstalten enorm. Viele andere Plattformen bieten Blogfunktionen an und sorgen damit dafür, dass sich der Benutzerstrom teilt.
Der DJV lehnt Honorarmodelle ab, die sich ausschließlich an Umsatzbeteiligungen orientieren. Für freie Journalisten ist das betriebswirtschaftlich nicht kalkulierbar. Die Orientierung an Klickzahlen sorgt zudem dafür, dass nach der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie geschrieben werden muss, in der nicht Qualitätskriterien entscheiden, sondern eher libidinös-medienpathologisch besetzte Begriffswelten (”Paris Hilton”, “Sex”, “Hitlers Schäferhund”, “Hitler-Tagebücher wiedergefunden”, “NS-Goldschatz”, “Kannibalen”, “Heiliger Gral” etc.). Auch wenn es schwer ist, mit dem freien Journalismus Geld zu verdienen, wie beispielsweise auch aus der “Gamer-Szene” zu hören ist, sind Modelle wie von suite101.de keine Alternative. Zumal die Beiträge auch noch für ein Jahr lang für eine weitere Verwertung gesperrt sind. Selbstverständlich gibt es auch Autorinnen und Autoren, die darauf hoffen, dass ihr Talent durch suite101 bekannt gemacht wird. Diese Hoffnung sollte aber gleich wieder begraben werden – auch wenn in Einzelfällen tatsächlich Aufträge akquiriert werden, gilt doch für die meisten Freien, dass die Redaktionen ihnen nicht hinterherzulaufen pflegen – denn es kommt immer genug unbestellte Ware ins Haus. Um “Deutschland sucht den (Blog-)Superstar” handelt es sich hier ganz bestimmt nicht. Abgesehen davon, dass selbst die Helden solcher Shows meist keine selbstlaufenden Karrieren anzutreten pflegen. Eine Präsenz bei suite101.de ist insofern im Regelfall keine Lösung für Freie, sondern der Anfang eines Problems.
Siehe auch kritische Beiträge in US-Blogs, beispielsweise hier, sowie in deutschen Blogs bei Rainer Meyer und von Marion Lüttig.
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