Gilt für die Freien auch Bushidos “Alles wird gut”, Frau Nussbaum?
Von Redaktion • 18.05.10 • Thema: Honorare, Markt/Vermarktung, News für FreieDie freie Journalistin Cordula Nussbaum hat mitten in der Wirtschaftskrise ein eBook veröffentlicht: „Marketing & Strategie für Freie Journalisten“. Wir wollten herausfinden, wieso sie den Mut zu einem solchen Buch hatte.
freien blog: Frau Nussbaum, die Wirtschaft kracht munter weiter, viele Freie berichten über Auftragsrückgänge: Warum jetzt den “Marketing & Strategie für Freie Journalisten”? Wäre es nicht zielführender, einen Ratgeber “100 Wege in andere Berufe” zu produzieren?
Nussbaum: Gerade weil so viele Freie mit einem Auftragsrückgang zu kämpfen haben oder als Neulinge nur schwer einen Fuß in den Markt bekommen, ist es wichtig, dass sie die Vermarktung ihres Wissens und ihrer Leistung professionell angehen. Wenn ich wirklich vom journalistischen Arbeiten leben will, dann kann ich mit einem überlegten Vorgehen nach wie vor ziemlich gut punkten. Einen Ratgeber für komplett andere Berufe will ich den Kollegen gar nicht geben, denn komplett weg vom Journalismus wollen nur wenige. Journalist sein ist für viele Berufung und die Erfüllung einer Leidenschaft. Deshalb würde ich nur im absoluten Notfall einen anderen Beruf empfehlen. Was ich den Lesern aber natürlich nahe lege sind zweite Standbeine im Umfeld des Journalismus, die sich dann auch gegenseitig befruchten können.
freien blog: Ihr kleiner Ratgeber strahlt ziemlich viel Optimismus aus. Steckt dahinter nicht Naivität über die reellen Chancen im Markt, wollen Sie den Lesern einfach nur Mut machen oder glauben Sie am Ende sogar selbst (wie Bushido): “Alles wird gut”?
Nussbaum: Ja, ich verbreite Optimismus, und das mit einem soliden guten Gefühl. Seit Jahren begleite ich Freie in Seminaren und im Coaching dabei, sich gut zu positionieren und zu vermarkten. Ich tausche mich permanent mit anderen Freien aus, und die Ergebnisse sprechen für sich, denn viele Freie bekommen nach wie vor gut bezahlte Aufträge. Aber natürlich haben Sie Recht – und das schreibe ich ja auch – dass die goldenen Zeiten der 90er Jahre vorbei sind. Uns freien Journalisten fallen die gut bezahlten Aufträge nicht mehr in den Schoss. Im Gegenteil. Die Honorare sind massiv gesunken, die Konkurrenz gestiegen. Umso wichtiger ist es also in Bewegung zu bleiben, neue Chancen zu suchen und neue Wege zu gehen. Manchen Freien fällt dies aber extrem schwer. Sehen Sie, ein Kollege von mir will unbedingt im Hörfunk arbeiten und produziert für 15 Euro Beiträge, für die er rund zwei Stunden Arbeit investiert. Trotz mehrfacher Gespräche darüber, dass es hier sinnvoller wäre, – überspitzt ausgedrückt – putzen zu gehen, geht er diesen Weg weiter. Idealismus ist schön – aber auf Dauer wird er bankrott gehen. Wir Freien dürfen uns nicht ausbeuten lassen, aber offensichtlich haben einige von uns dieses Ausbeuter-Gen regelrecht intus. Wenn ich aber von mir als freier Journalist sage, nein, ich will mich nicht verheizen und ausbeuten lassen, dann kann ich mit einem durchdachten Konzept durchaus auf ein vernünftiges Einkommen kommen.
freien blog: Mein Telefon steht still, und aus den Redaktionen ist nur zu hören, wir nehmen zurzeit nichts. Liegt es vielleicht einfach daran, dass ich nicht zu diesem Beruf passe? Was antworten Sie – kurz! – auf überbordende Selbstzweifel?
Nussbaum: Selbstzweifel sind gut, denn sie bringen mich zum Nachdenken. Schreiben Sie auf, was Sie dem Markt zu geben haben, warum sollen Rezipienten Ihre Geschichten lesen, sehen oder hören, warum Redaktionen Ihre Beiträge kaufen. Nur wenn wir Freien Journalisten wirklich etwas Gutes zu bieten haben, werden wir einen Auftrag erhalten. Mittelmaß ist unser Untergang. Interessanterweise sind dabei die Zweifler diejenigen, die wirklich gut sind. Denn die anderen bieten oftmals olle Kamellen an. Lassen Sie sich also nicht verunsichern. In der Regel brauchen wir fünf (!) Akquise-Anläufe bei neuen Redaktionen, bevor wir einen Treffer landen. Lassen Sie sich nicht entmutigen von Absagen. Natürlich haben derzeit viele Redaktionen keinen Bedarf. Deshalb liegt es an uns, zu suchen, wo unsere Leistung wirklich gebraucht wird. Und wo wir auch Geld dafür bekommen. Nach wie vor werden bei Verlagen neue Formate gegründet oder in Unternehmen Podcast-Radio, Mitarbeiter-Fernsehen oder Kunden-Magazine gemacht. Es liegt nicht an Ihnen, dass es zäh ist. Es ist wirklich die momentane Lage!
freien blog: Es gibt jetzt neue Vergütungsregeln an Tageszeitungen. Einige haben zuerst gemault (oder meinen es immer noch), die Honorare darin fallen zu niedrig aus. Die meisten Freien halten sie für recht ordentlich, weil sie bisher deutlich weniger erhalten hatten. Viele glauben aber nicht, dass Sie das durchsetzen können, also wirklich bekommen werden. Kann nur der DJV selbst für die Durchsetzung der – mit Verlegern rechtsgültig vereinbarten! – Regeln sorgen, oder was können/müssen Freie jetzt, und wie, dafür tun? Was würden Sie (auch) tun? Einfach mal mit der Redaktion “sprechen”? Wäre das nicht betriebswirtschaftlicher Selbstmord, das Auftrags-Aus? Oder einfach mal ein “Brieflein” an den Verlag schicken?
Nussbaum: Viele Freie vertrauen in dieser Frage wirklich dem DJV, dass jemand “Übergeordneter” für uns die “Tarife” durchficht. Denn natürlich haben viele Freie Angst, zu aggressiv aufzutreten und dadurch Kunden zu verlieren. Mir persönlich macht es immer Mut, wenn ich persönlich mit den Redakteuren oder Chefredakteuren spreche und höre, dass sie mir gerne mehr zahlen würden, aber ihnen halt auch die Hände gebunden sind. Dann können wir nämlich ganz sachlich in das Thema Honorarverhandlung einsteigen. Und je besser der DJV uns hier auch den Weg ebnet, desto besser für jeden einzelnen Freien.
freien blog: Sie haben gerade gute Noten von Stiftung Warentest für einen anderen Ratgeber zum Zeitmanagement bekommen. Was finden wir zusätzlich darin und taugt das auch für freie Journalisten?
Nussbaum: Stiftung Wartentest hat meinen Ratgeber “Zeitmanagement für kreative Chaoten” zum Testsieger gekürt. Darin gebe ich Zeitmanagement-Tipps für die ideenreichen, spontanen, begeisterungsfähigen und empathischen Menschen, die oftmals auch in einem sehr kreativen Umfeld arbeiten. Auf das Thema kam ich, weil ich mir selbst am klassischen Zeitmanagement die Zähne ausgebissen habe – und dies auch bei ganz vielen Journalisten-Kollegen beobachten konnte. Das Buch ist also uns Journalisten auf den Leib geschrieben. Wir erfahren darin, wie man sich als kreativer Mensch in einem sehr dynamischen Umfeld so organisieren kann, dass wir mehr Zeit für das Wichtige haben und – gerade als Freelancer – mit unserer Energie kompetent umgehen. Anders als andere Zeitmanagement-Ratgeber baut mein Buch auf den kreativen Talenten auf, anstatt sie in Listen, Systeme oder Ordnung zu pressen. Und damit funktioniert der Ansatz hervorragend bei uns Freien.
freien blog:Kann man/frau Sie eigentlich auch “in echt” in Vorträgen und Seminaren erleben, oder sind Sie exklusiv digital zu verfolgen?
Nussbaum: Ich bin viel unterwegs und live zu erleben. Ich halte Vorträge und Seminare für den DJV, für die Akademie für Publizistik und die Akademie der Bayerischen Presse – hier haben z.B. im Juni ein Seminar “Text- und Themenmarketing für Freelancer”. Außerdem unterstütze ich freie Kollegen in Seminaren, die ich selbst organisiere (Infos dazu unter www.Erfolg-Reich-Frei.de) und im persönlichen Coaching.
freien blog: Was heißt “Coaching” für Sie? Gruppen- und Einzeltherapie auf der Freud´schen Couch – ist das die Perspektive für freie Journalisten im 21. Jahrhundert?
Nussbaum: Nein, Coaching hat nichts mit der Couch zu tun… Coaching heißt, dass wir -der Klient und ich – sehr strukturiert an einem Business-Thema arbeiten. Ich habe viele Journalisten mit denen ich eine solide Marketing-Strategie erarbeite. Wir schauen also: wo liegen Deine Talente? Für welche Themen brennst Du? Welche Redaktionen interessiert das? Wie sind Deine Umsatz-Vorstellungen, mit welchen Kunden kannst Du diese erreichen? Hier entwickeln wir u.U. auch ein zweites Standbein wie Buch-Autor, Medien-Beratung oder anderes. Je nachdem, was der Klient an Fähigkeiten und Zielen mitbringt. Wir üben dann z.B. auch das Kontaktieren der Redaktion, wie schaut ein Exposé aus, wie trittst Du auf. Und auch: wie organisierst Du Deinen Alltag, Dein Home-Office etc. Natürlich können die freien Journalisten all diese Fragen auch selbst im Laufe der Zeit klären. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sie mit einem Coach deutlich schneller ihre Ziele erreichen, bessere Honorare erwirtschaften und weniger Lehrgeld zahlen. Die Investition lohnt sich meist sehr schnell. Einer meiner Klienten konnte gleich zu Beginn des Coaching-Prozesses sein Honorar für Moderationen verdoppeln.
freien blog: Apropos eBook: Meinen Sie, dass man/frau als freie/r Journalist/in damit zusätzliches Geld verdienen kann, z.B. zu den Fachthemen, zu denen ansonsten Beiträge für Zeitschriften und andere Medien produziert werden?
Nussbaum: Ja, mit Sicherheit. Wenn ich auf ein Fachthema spezialisiert bin – und das rate ich allen Journalisten, weil es den Marktwert deutlich erhöht – dann kann ich natürlich weitere Wege ausprobieren, mein Wissen unters Volk zu bringen und damit Geld zu verdienen. Wichtig dabei: es muss was wirklich Interessantes sein und dem Leser einen echten Mehrwert bieten. Und die elektronischen Medien sind dabei genial. Ich habe keine hohen Anfangskosten, einen simplen Vertriebsweg und kann topaktuell reagieren.
Das Interview wurde per E-Mail geführt.




